Dieses kleine abgelegene Seitental im nordwestlichen Landkreis Rottweil in Baden-Württemberg war einst ein Zentrum des Silber- und Kobaltbergbaus im Schwarzwald und ist bis in die heutige Zeit ein bekannter Fundort für faszinierende Mineralien. Als eine der klassischen Mineralfundstellen Deutschlands hat das Revier mit seiner außergewöhnlichen Vielfalt längst überregionale Bekanntheit erlangt.
Zahlreiche, teils umfangreiche und detaillierte Aufsätze, haben sich in den vergangenen Jahrzehnten mit Wittichen und seiner Umgebung beschäftigt [1], [2], [3] usw. Sie liefern eine Fülle von Informationen über dieses spannende Gebiet, unter anderem ausführliche Einzelbeschreibungen der Mineralarten. Diese Arbeit verfolgt nicht dieses Ziel. Sie erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit und versteht sich als Ergänzung vorhandener Literatur. Sie soll eine Anregung für Überlegungen und Diskussionen sein. Dabei werden unter anderem neue Erkenntnisse beleuchtet sowie einige Funde der vergangenen Jahre gezeigt.
Historische Einordnung
Über die Historie des Bergbaues in Wittichen finden sich zahlreiche Literaturstellen insbesondere bei Bliedtner & Martin 1986 [1]. Grundsätzlich ergeben sich aus den Recherchen folgende Phasen montantechnischer Aktivitäten in und um Wittichen:
Frühe Phase im Hochmittelalter: Für einen Bergbau gibt es aus dieser Zeit keine gesicherten Nachweise, wohl aber für die Gründung des Klosters Wittichen im Jahr 1324 [16]. Dass die Selige Luitgard (1291–1348) ihr Klarissenkloster ausgerechnet in diesem kleinen, abgelegenen Seitental errichtete, dürfte kein Zufall sein: Möglicherweise hängt die Standortwahl mit den Erzvorkommen und einem frühen Bergbau auf Silber und ggf. weitere Erze zusammen.
Silberbergbau bis ins 19. Jhd.: Belegt ist er durch verschiedene Dokumente – etwa eine Verleihungsurkunde für Bergbaurechte, die die Landgräfin Elisabeth zu Fürstenberg 1517 für die Wiederaufnahme des Bergbaues ausstellte [20]. Da bereits von einer Wiederaufnahme die Rede ist, müssen schon vor 1517 Erze abgebaut worden sein. Nach Kapf (1784, [1]) bestand am Witticher Silberberg bereits 1506 Bergbau.
Kobalt-, Silber- und Kupferbergbau: Spätestens ab der ersten Hälfte des 18. Jhd. wurden neben Silber auch Kobalt, Kupfer und andere Metalle abgebaut – vor allem durch das Haus Fürstenberg sowie die Nürnberger und die Calwer Gewerkschaft [1].
Nachlesebergbau auf den Halden und innerhalb der alten Grubenbaue durch ehemalige Bergleute und Bauern nach dem Ende des regulären Bergbaus bis in die zweite Hälfte des 19. Jhd.
Prospektion im 20. Jahrhundert: Zwischen 1935 und 1979 wurde das Revier in verschiedenen Untersuchungen auf sein Abbaupotenzial geprüft, wobei Wismut, Kupfer, Kobalt, Uran und die Mineralisation der Gangarten im Mittelpunkt standen [8].
Nachbergbauliche Nutzung: Seit den 1960er Jahren dienen die Überreste des ehemaligen Bergbaues unterschiedlichen Zwecken. Dem Naturschutz, indem alte Grubenbaue Lebensraum etwa für Fledermäuse und Amphibien bieten [2], der Gewinnung von Schotter- und Auffüllmaterial aus den Halden sowie schließlich touristischen Zwecken in Form des Bergbaulehrpfads.
Geografische Abgrenzung
Die Witticher Erzgänge setzen ausschließlich im Granit auf, genauer im Witticher Granit, einem nördlichen Ausläufer des großen Triberger Granitmassivs [19]. Dieser meist rötliche Biotitgranit ist damit der eigentliche Träger der Vererzung. Geologisch handelt es sich um ein einheitliches Ganggebiet, dessen Grenzen quer durch die historischen Herrschaftsverhältnisse – fürstenbergisches und württembergisches Gebiet – verliefen. Schon die alten Bergleute wussten, dass die Gänge dort am ehesten bauwürdig waren, wo das Nebengestein hydrothermal zersetzt und brüchig ist; sie sprachen vom „freundlich mild Gebürg" im Gegensatz zum tauben, harten Gestein abseits der Gänge [19].
Als Kerngebiet des ehemaligen Witticher Bergbaues und damit der Fundstellen kann der Witticher Silberberg auf der orografisch rechten bzw. auf der südlichen Talseite betrachtet werden. Hier liegen die Überreste ehemals bedeutender Bergwerke wie Grube Sophia, Neuglück, Simson, Alt-St.-Joseph, Gnade-Gottes, Adler usw. Charakteristisch für das gesamte Revier ist die einheitliche, etwa SE–NW verlaufende Streichrichtung der meisten Gänge.
Daneben finden sich Spuren von teils umfangreichem Altbergbau in Hinter-Wittichen (Grube Güte-Gottes), im Gallenbachtal (z. B. Grube Daniel), in Vorder-Wittichen (z. B. Gruben Johann) und an anderen Stellen.
Streng genommen gehören aus geologischer und mineralogischer Sicht weitere Lagerstätten in der Umgebung zur Witticher Bi-Co-Ni-Ag-U-Gangformation. So ähnlich sich die Gänge dieses Vererzungsgebietes untereinander sind, so deutlich unterscheiden sie sich von den übrigen Erzgängen des Kinziggebietes – ein Umstand, der bereits Breithaupt 1849 zur Aufstellung einer eigenen „Witticher Erzformation" veranlasste [19]. Räumlich reicht dieses Ganggebiet vom Sulzbächle- und Tiefenbachtal über die Täler des Heubachs, des Witticher Klosterbachs, des Kaltbrunnerbachs und der Reinerzau bis ins große Kinzigtal; nördlich von Alpirsbach und südlich von Schiltach treten weitere Gänge auf, während die erztragenden Granite nach Osten unter dem Deckgebirge der Trias verschwinden [19]. Bei den umliegenden Vorkommen handelt es sich meist um kleine Lagerstätten mit im Vergleich zu Wittichen verarmter Paragenese. In diesem Zusammenhang sind einzelne Vorkommen im Heubachtal (z.B. Andreas, Grube Katharina), in der Reinerzau (z. B. Grube Raphael, Grube Emanuel u. a.), im Stammel- und Hunersbachtal (z. B. Grube Hilfe Gottes), im Kaltbrunner Tal (z. B. Anton-Gang) usw. zu nennen.
Das kleine, mineralogisch aber interessante Vorkommen an der Aichhalder Mühle mit dem seltenen Kupfersulfid Anilith gehört ebenfalls dazu. Dieser erst kürzlich bekannt gewordene Fund wird in einem gesonderten Beitrag in einem der nächsten Hefte ausführlich vorgestellt.
Umfangreicher Bergbau in Verbindung mit nennenswerten Erzmengen fand dagegen im Heubachtal (Grube Anton) sowie in der württembergischen Reinerzau (Gruben Dreikönigstern, Herzog Friedrich und andere) statt.
Silberberg
Gruben Simson und Neuglück im Böckelsbachtal
Mit Hilfe dieser beiden Bergwerke – Neuglück wurde 1743, Simson 1752 eröffnet [19] – wurde vor allem im 18. Jhd. die SE-Fortsetzung des St.-Joseph-Ganges in Angriff genommen. Abgebaut wurden überwiegend Skutterudit und Safflorit als Kobalterze sowie gediegen Silber in kleinen Erzfällen (steilstehenden, im Streichen rasch auskeilenden Erzanreicherungen). Beide Gruben trafen zwar reiche Erzmittel an, doch wechselten ertragreiche Phasen mit Zeiten des Stillstands [19]; in der zweiten Hälfte des 18. Jhd. wurden insgesamt dutzende Tonnen Kobalterz sowie einige Kilogramm Silber gefördert. Simson und Neuglück sind über den tiefen Clara-Stollen, evtl. auch über Abbaue, miteinander verbunden. In den Haldenresten des Neuglück-Schachtes auf der orografisch linken Seite des Böckelsbaches sind vereinzelt Belegstücke der Erzmineralien sowie Sekundärbildungen wie z. B. Erythrin zu finden.
Grube Sophia im Böckelsbachtal
Die wenigen noch sichtbaren Bergbauspuren dieser einst reichen Silbergrube bestehen aus der Pinge (einer trichterförmigen Einsenkung über zusammengebrochenen Grubenbauen) des ehemaligen Tagschachtes, Pinge und Halde des oberen Stollens sowie der Pinge und den Haldenresten des unteren Stollens. Zwischen 1725 und 1856 wurden 5,2 Tonnen Silber und 127,6 Tonnen Kobalterze in der Grube Sophia gefördert [1]; sie gilt damit als reichste Grube des gesamten Kinziggebietes [19]. Die Erzmineralien sind in steilstehenden und im Streichen kurz aushaltenden Erzfällen angereichert. Dadurch entstehen überwiegend vertikale Abbauhohlräume, die sich oft über etliche Zehnermeter in die Tiefe erstrecken. Daneben trat gediegen Silber stellenweise auch fein im Nebengestein selbst auf: Nach einer zeitgenössischen Schilderung von Kapf (1792) war es so fein im rotbraun verfärbten, zersetzten Granit verteilt, dass man das Gestein nass pochen und verwaschen musste, um es zu gewinnen – die alten Bergleute sprachen vom „edlen Granit" [19]. Gangarten des Sophia-Ganges sind Baryt, Calcit, Quarz, Fluorit und Siderit. Im Gegensatz zu Angaben in der Literatur (z. B. [1]) tritt Fluorit auch in den oberen Bauen der Grube Sophia auf (z. B. Cyclops-Strecke). Über Abbaue und Schächte auf Erzfällen sowie über die Grubenbaue auf dem Roter-Löwe-Gang ist die Grube Sophia ebenfalls mit dem tiefen Clara-Niveau verbunden. Der tiefe Clara-Stollen dient Teilen der Grube Sophia als Erbstollen (dem tiefsten, zur Entwässerung angelegten Stollen) zur Ableitung der anfallenden Grubenwässer. Durch intensiven Nachlesebergbau im 19. Jhd. wurde ein Großteil der Grubenanlagen mit Abraum (Versatz) verfüllt. Mit sehr viel Glück lassen sich auf der Halde des unteren Stollens bzw. in deren Umgebung Belegstücke mit gediegen Silber, Kobalterzen, gediegen Wismut, Uranmineralien und andere Arten finden. Leider wurde seit den 1980er Jahren ein Großteil dieser Halde für den Wegebau abtransportiert. Schon zur Betriebszeit war die Sophia für ihre Stufen berühmt: Allein mit verkauften Schaustufen erzielte sie einen Erlös von rund 4.800 Gulden – gegenüber höchstens 88 Gulden aus anderen Witticher Gruben –, und entsprechende Belegstücke befinden sich heute in Sammlungen rund um die Welt [3].
Adler-Gang
Der Adler-Gang kann als Fortsetzung des Sophia-Ganges angesehen werden – sowohl die geologisch-lagerstättenkundliche Situation als auch die Befunde im Gelände und untertage sprechen dafür [23].
Eigenständige bergbautechnische Anlagen zur Erschließung dieser Mineralisation, etwa Tagstollen, sind nicht eindeutig nachweisbar; lediglich eine Reihe großer Schacht- oder Verhaupingen im Wald oberhalb der Schmiedestollenhalde lässt sich dem Adler-Gang zuordnen. Untertage kam es in den letzten Jahrzehnten zu Bewegungen des historischen Verfüllmaterials (Versatz): Da das alte Grubenholz, überwiegend aus dem 18. Jhd., instabil ist, brechen Versatzmassen ein und stürzen in bestehende Hohlräume. Beim Adler-Gang wirkte sich dies teilweise bis an die Tagesoberfläche aus, etwa in Form von Setzungserscheinungen in den genannten Pingen.
Als typischer Vertreter der Witticher Gangformation führt der Adler-Gang überwiegend Baryt als Gangart, untergeordnet auch Quarz und Karbonate (Calcit, Dolomit, Siderit). Die Gangmächtigkeit schwankt dabei zwischen etwa 10 cm – so an einer Pinge anstehend beobachtet – und rund 80 cm. In der Umgebung des Gabelschachtes war der Gang deutlich zertrümert und überwiegend mit Quarz und Karbonaten gefüllt.
Vom Sophia-Gang trennt ihn eine ausgeprägte Lettenkluft, die sogenannte Schmerkluft [23]. Da diese tektonische Unterbrechung weder einen Versatz der Gänge noch eine Änderung der Streichrichtung bewirkt, ließe sich der Adler-Gang rein strukturell auch noch als Teil des Sophia-Ganges auffassen.
Dass er dennoch als eigene Struktur gilt, hat mineralogische Gründe. Typisch für Wittichen ist nämlich ein Trend in den Erzinhalten der einzelnen Mineralisationen: Je mehr sich ein Gang einem E-W-Streichen nähert oder je weiter er nach NNW reicht (nur am Silberberg), desto stärker treten die Kobalt-Silber-Erze zugunsten der Kupfer-Wismut-Erze zurück. Genau NNW der Schmerkluft wechselt daher die Erzparagenese des Sophia-Ganges – und eben dieser Wechsel begründet die Abgrenzung des Adler-Ganges.
Dementsprechend treten im Bereich des Adler-Ganges als primäre Erze überwiegend Wittichenit, Fahlerz und Kupferkies auf. Nur sehr selten fand sich Zinkblende (sekundär?), verwachsen mit zinkhaltigem Fahlerz und dem noch selteneren Bleiglanz. Im SSE-Teil der Mineralisation dagegen – nahe der Schmerkluft und damit nahe der Grube Sophia – stellt sich die typische Co-Ag-Ni-U-Paragenese mit Skutterudit, Safflorit, Nickelin, Pechblende und gediegen Silber ein [23], [24].
Den beiden unterschiedlichen Primärparagenesen entspricht ein reiches Spektrum an Sekundärmineralien, das der oben beschriebenen Verteilung folgt. Zu nennen sind vor allem Arsenate wie Pikropharmakolith, Sainfeldit, Phaunouxit, Erythrin, Parasymplesit, Mixit, Zeunerit, Heinrichit und Uranospinit, daneben Karbonate wie Malachit und Siderit sowie Sulfate wie Brochantit, Posnjakit und weitere, teils sehr seltene Arten [23], [24].
Über die im Adler-Gang geförderten Erzmengen gibt es keine eigenen Aufstellungen – möglicherweise eine Folge der Struktur der am Bergbau beteiligten Unternehmen.
Roter-Löwe-Gang
Als Roter-Löwe wird eine Gangstruktur im Zentrum des Witticher Silberbergs bezeichnet, deren Streichrichtung und Verlauf mit dem der Witticher Hauptgänge (SE–NW) übereinstimmen. Bei einem SW-Abstand von rund 30–40 m zum Sophia-Gang gilt er auch als begleitendes (liegendes) Trum dieses wichtigen Ganges [4], [1].
Auffällig ist, dass sich der Roter-Löwe-Gang bislang nicht eindeutig an der Tagesoberfläche nachweisen ließ – weder durch Bergbauspuren noch durch Gangausbisse. Möglicherweise tritt seine nur maximal 10 cm mächtige Füllung an der Oberfläche gar nicht in Erscheinung.
Umso bemerkenswerter ist, dass dieser Gang von mehreren Grubengebäuden auf verschiedenen Teufenniveaus – und damit von unterschiedlichen Gewerkschaften (Unternehmen) – erschlossen wurde, teils mit Hilfe aufwendiger Querschläge. Die dabei aufgefahrenen Grubengebäude sind durchaus beeindruckend, soweit sie in jüngerer Zeit befahrbar waren.
Zu nennen sind hier zunächst die Abbaue zwischen dem oberen Sophia-Stollen und dem tiefen Clara-Niveau, von wo aus der Roter-Löwe-Gang über Querschläge auf mindestens drei Niveaus angefahren wurde. Schächte und Abbaue erreichen hier eine durchgehende vertikale Erstreckung von mindestens 75 m [4].
Weiter im NW wurde der Gang außerdem vom Niveau des Schmiedestollens, des Zobel-Schachts sowie des tiefen Clara-Stollens aus erschlossen. Selbst aus dem Böckelsbachtal, von der auf einem Trum des Josephs-Ganges angesetzten Grube Johann-Georg, trieb man einen Querschlag in Richtung des Roter-Löwe-Ganges vor. Dabei wurden der Gang und ein weiteres Trum erreicht und auf kurzen Strecken im Streichen aufgefahren. Den endgültigen Beweis, dass man den Gang tatsächlich angefahren hatte, lieferte der Fund einer Stufe mit gediegen Silber in diesem Bereich der Grube Johann-Georg Anfang der 1990er Jahre.
Die Aktivitäten im Bereich des Roter-Löwe-Ganges stammen überwiegend aus der Zeit von etwa 1730 bis 1799; hinzu kommt ein intensiver Nachlesebergbau ab 1800.
Einen Überblick über die Mineralisation des Roter-Löwe-Ganges gibt [4]. Sie ähnelt der des Sophia-Ganges stark, ist gegenüber dieser aber deutlich verarmt. Entgegen den Angaben in der Literatur [1] dürfte es im Bereich des Roter-Löwe-Ganges mindestens einen steilstehenden Erzfall mit überwiegend gediegen Silber gegeben haben – darauf deuten sowohl die Grubenanlagen als auch die Funde untertage hin.
Da dieser Gang ausschließlich von untertage aus erreichbar war, vor allem aus dem Bereich der Grube Sophia, tragen die in wenigen Sammlungen vorhandenen Stufen üblicherweise die Fundortangabe „Grube Sophia".
Abschließend sei erwähnt, dass es im Witticher Revier eine ähnliche Konstellation gibt – ein den Hauptgang begleitendes Trum, das teils erhebliche Mengen gediegen Silber geliefert hat: den Heinrich-Gang bei der Grube Anton im Heubach.
Hinter-Wittichen
Der Talschluss von Wittichen war stark vom Bergbau auf der Grube Güte-Gottes geprägt. Heute finden sich von dieser Grube nur noch schwache Spuren: die Halden im Bereich der dortigen Wohnbebauung, der verschlossene Schmiedestollen (nicht zu verwechseln mit dem Schmiedestollen am Silberberg, siehe dort) sowie die Stollenpinge des tiefen Hilfe-Gottes-Stollens. Für Sammler ist das Areal uninteressant, da keine Aufschlüsse vorhanden bzw. möglich sind. Die Grube Güte-Gottes baute auf einer NW-Fortsetzung der Gänge am Witticher Silberberg. Zwischen 1724 und 1847 förderte sie 951 t Kobalt- und Wismuterze, 34 kg gediegen Silber [20] sowie die damals noch unbekannte Pechblende (das Uranoxid Uraninit), die in einem Befahrungsbericht von 1804 als „…ein eisenartiger wilter Kobolt…" beschrieben wird. Ihre Blütezeit war Anfang der 1740er Jahre; danach hielt sich, mit zahlreichen Unterbrechungen, nur noch ein schwacher Betrieb bis in die 1840er Jahre [19]. Ein dramatisches Ereignis erlebte der Talschluss am 28. Dezember 1882: Nach Tauwetter und heftigem Regen löste sich oberhalb im Zindelgraben eine Buntsandsteinscholle und rutschte zu Tal; sie riss unter anderem das auf der Güte-Gottes-Halde stehende Wohnhaus mit, wobei fünf Menschen ums Leben kamen [19].
Vorder-Wittichen
Grube Johann am Burgfelsen
Den Johann-Gang untersuchte man im 18. Jhd. mittels zweier übereinanderliegender Stollen; nennenswerte Erzmengen wurden dabei nicht angetroffen. Eingesprengt, selten auch frei aufgewachsen, fanden sich Cu-Bi-Erze wie Kupferkies, Fahlerz, Emplektit, Wittichenit oder gediegen Wismut. Als Gangart treten hier neben Quarz überwiegend Fluorit und Baryt auf, die in Drusen schöne Kristalle bis mehrere Zentimeter Größe bilden. Leider ist die teils blaue oder grünliche Farbe des Fluorits instabil, sodass die Kristalle nicht selten nachträglich eine gelbliche Tönung annehmen.
Gruben Johann und Maria am Klosterbach
Auf der gegenüberliegenden, orografisch rechten Talseite bei Vorder-Wittichen finden sich ebenfalls Reste ehemaligen Bergbaus aus dem 18. Jhd. Auch hier handelt es sich um Fluorit-Baryt-Gänge ohne nennenswerte Erze, im Gegensatz zur Grube Johann am Burgfelsen jedoch mit Karbonaten wie Siderit, Dolomit und Calcit. In den zahlreichen Drusen fanden sich gut ausgebildete Kristalle der Gangarten bis mehrere Zentimeter Größe. Eher selten treten – in die Gangarten eingewachsen – Emplektit und Wittichenit in Erscheinung, mitunter begleitet von Malachit und Bismutit.
Gallenbachtal
Gruben Daniel, Neubergmännisch Glück, König David
Die Gruben im Gallenbachtal arbeiteten allesamt auf kurz streichenden Baryt-Fluorit-Gängen mit Cu-Bi-Mineralien. Sie wurden im 18. Jhd. in der Hoffnung auf die Entdeckung weiterer Silber- und Kobalterze betrieben. Vermutlich förderte nur die Grube Daniel wirtschaftlich relevante Mengen an Erzmineralien wie Emplektit, Wittichenit, Fahlerz, Kupferkies, gediegen Wismut oder Bornit. Das seltene Mineral Lautit konnte im Bereich der Grube Neubergmännisch Glück nachgewiesen werden. Auf den mittlerweile kaum noch erkennbaren Halden im Gallenbachtal fanden sich neben den erwähnten Erzen Sekundärmineralien wie Bismutit, Malachit, Mixit, Azurit, Langit, Brochantit u. v. a. Seltener traten Stufen mit Fluorit- und Barytkristallen auf, vor allem in der Grube König David.
Im Fokus: Die Schmiedestollenhalde
Die Schmiedestollenhalde soll hier als bekannteste Witticher Fundstelle genauer betrachtet werden – insbesondere im Hinblick auf die Herkunft ihres Haldenmaterials und damit auf die Bedeutung dieser Fundstellenbezeichnung.
Die Halde des alten Schmiedestollens befindet sich im Schmiedetobel am Witticher Silberberg. Von dieser Halde wurden über 150 verschiedene der rund 240 Mineralarten aus Wittichen beschrieben (mineralienatlas.de), darunter einige Seltenheiten. Außerdem ist die Schmiedestollenhalde Typlokalität einiger Spezies wie z. B. Orthowalpurgin. Damit reiht sie sich in eine lange mineralogische Tradition des Witticher Reviers ein: Schon im 19. Jhd. wurden in den Witticher Gruben mehrere Mineralarten erstbeschrieben – darunter Pharmakolith, Wittichenit und Heubachit –, und Witticher Stufen sind seit dem 18. Jhd. in den großen europäischen Mineraliensammlungen vertreten [3]. Eine besondere Rolle spielte dabei die Sammlung Fridolin v. Sandbergers, der die Witticher Erzgänge im 19. Jhd. eingehend bearbeitete; seine Originalstücke wurden später leihweise an das Mineralogische Institut Freiburg gegeben und gingen beim Luftangriff auf Freiburg am 27. November 1944 vollständig verloren [19]. Diese außergewöhnliche Mineralienvielfalt ergibt sich u. a. aus den primären Erzen, durch deren Verwitterung Elemente wie Silber, Kobalt, Nickel, Arsen, Uran, Kupfer, Wismut, aber auch Blei, Zink, Antimon, Eisen, Mangan und andere für die Paragenese zur Verfügung stehen.
Der Name dieser Fundstelle geht auf eine ehemalige Schmiede im nordwestlichen Teil der Schmiedestollenhalde zurück. Noch heute finden sich in diesem Haldenareal vereinzelt kleine Schlackenstücke als Überbleibsel von Schmelzvorgängen. Diese ehemalige Schmiede kann als Bergschmiede bezeichnet werden, da ihre Existenz unmittelbar mit dem Bergbau zusammenhing. Ihre Hauptaufgabe bestand darin, verschlissene Werkzeuge instand zu setzen [21].
Wie hängen die unterschiedlichen Erzgänge am Witticher Silberberg, der darauf angelegte historische Bergbau und das Haldenmaterial des alten Schmiedestollens zusammen?
Entscheidend für die Entstehung dieser Halde war der alte Schmiedestollen, dessen ehemaliges Mundloch an einem Bergsporn oberhalb der Halde vermutet wird. Dieser Stollen war als Querschlag auf verschiedene Gruben und Erzgänge angesetzt. Er erreichte nach etwa 60 Metern als erstes den Gnade-Gottes-Gang bzw. seine Gangtrümer. Bei der Verlängerung des Querschlags durch den Granit erreichte man nach rund 40 Metern den Roter-Löwe-Gang. Durch eine weitere Verlängerung des Querschlags erschloss man die besonders erzreichen Trümer des St.-Joseph-Ganges, zunächst das Segen-Gottes-Trum, nach wenigen Metern das Jakobs-Trum. Später verlängerte man den Querschlag um über weitere 100 Meter nach Westen ins unverritzte Feld, wobei weitere, allerdings nicht bauwürdige Gangtrümer abgekreuzt wurden [1].
Diese Querschlagsarbeiten auf Schmiedestollenniveau und darüber liegenden Sohlen erklären u. a. den hohen Anteil an Nebengestein auf der Schmiedestollenhalde. Außerdem hat das Vergrößern alter Grubenbaue durch die Bohr- und Schießarbeit ab dem 18. Jhd. ebenfalls Granit gefördert.
Darüber hinaus befindet sich auf der Schmiedestollenhalde Material des ehemaligen Frisch-Glück-Stollens, dessen Mundloch nordwestlich oberhalb der Halde zu erkennen ist. Der Frisch-Glück-Stollen war auf einem separaten Gangtrum in NW-Verlängerung des Sophia-Ganges angesetzt. Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass auf der Schmiedestollenhalde auch Aushub aus den oberhalb befindlichen Pingen abgelagert bzw. sortiert wurde.
Damit lässt sich das Material auf der Schmiedestollenhalde als Mischung aus verschiedenen Erzgängen beschreiben. Die verwendete Fundstellenbezeichnung ergibt dennoch Sinn, da eine Zuordnung einzelner Funde zu einem der Erzgänge nahezu unmöglich ist. Aufgrund von Befahrungsberichten ist bekannt, dass es innerhalb der Gänge Schwerpunkte bezüglich der Mineralparagenesen gibt. In der Regel waren Erzanreicherungen in Form kurzaushaltender, steilstehender Erzfälle ausgebildet. Allerdings zeigen untertägige Befunde, dass einzelne Paragenesen als „Durchläufer" in allen Erzgängen vorkommen.
Über das ursprüngliche Alter des Schmiedestollen-Querschlags gibt es keine zuverlässigen Nachrichten. Um das Jahr 1700, als man den Stollen aufwältigte, schlug man beim Kreuzen der Erzgänge in alte Arbeit ein. Offenbar waren Teile der Erzgänge oberhalb des Schmiedestollenniveaus bereits abgebaut [1]. Eine zeitliche Zuordnung dieser Arbeiten und damit auch der Entstehung der Schmiedestollenhalde bleibt schwierig und spekulativ; es ist davon auszugehen, dass das Haldenmaterial aus unterschiedlichen Bergbauperioden stammt.
Das Gesamtvolumen der Schmiedestollenhalde wird nach einer Untersuchung der Landesanstalt für Umweltschutz Baden-Württemberg [25] auf rund 25.000 t Abraum geschätzt; ein Großteil davon dürfte aus der letzten Hauptabbauphase im 18. Jhd. stammen. Allerdings existieren untertage auch Grubenanlagen, die aus der Zeit vor 1700 stammen könnten, da sie in Schlägel- und Eisenarbeit erstellt sind. Die Bergbautechnik mit Bohr- und Schießarbeit hat insbesondere im 18. Jhd. die bestehenden Strecken und Schächte – und damit häufig die Merkmale des vorhergehenden Bergbaues – überprägt.
Aufgrund seiner topografischen Höhenlage ist der alte Schmiedestollen als mittlerer Querschlag anzusehen. Ca. 60 Meter oberhalb erreichte der Moses-Segen-Querschlag die beiden oben genannten Haupttrümer des St.-Joseph-Ganges. Andere, weiter SE liegende Gänge hatte man in diesem Bereich übertage mit Hilfe von Verhauen und Schächten sowie von untertage abgebaut.
Als unteren Querschlag kann man den tiefen Clara-Stollen betrachten, der nach rund 300 Metern den Adler- bzw. Gnade-Gottes-Gang, nach etwa 335 Metern den Roter-Löwe-Gang sowie nach ca. 400 Metern die Trümer des St.-Joseph-Ganges erreichte. Er diente gleichzeitig als Hauptentwässerungsstollen (Erbstollen) des umfangreichen Grubengebäudes, worauf noch heute ein deutlicher Wasseraustritt hinweist.
Fundmöglichkeiten
Die Schmiedestollenhalde gehört aufgrund ihrer Attraktivität für Mineraliensammler aus aller Welt zu den am stärksten abgesuchten Fundstellen. Trotz des hohen Anteils an Nebengestein lassen sich bei intensiver Suche – verbunden mit Geduld und einem Gespür für typische Arten und Paragenesen – immer wieder schöne Kleinmineralien finden. Dies zeigen gerade die Neufunde der vergangenen Jahre. Dabei empfiehlt es sich, auch Stücke aus Granit zu überprüfen, da in Wittichen Imprägnationen des Nebengesteins mit Erzen und Sekundärmineralien häufig vorkommen.
Fazit
Insgesamt haben sich die Fundmöglichkeiten in und um Wittichen – wie an vielen anderen Fundstellen – erheblich verschlechtert. Das liegt zum einen an der intensiven Sammeltätigkeit, zum anderen daran, dass Teile von Abraumhalden als Wegeschotter abgefahren wurden. Letztlich wachsen die Halden und Pingen immer mehr zu und geraten irgendwann in Vergessenheit. Umso wichtiger ist es, die noch zugänglichen Vorkommen zu dokumentieren und das Wissen über sie für die Zukunft festzuhalten – ein Anliegen, zu dem dieser Beitrag eine Anregung geben möchte.
Abgesehen von mineralogischen Erlebnissen ist Wittichen zum Wandern und Erholen immer eine Reise wert.
Dank
Unser besonderer Dank für viele ergiebige Gespräche, Exkursionen und die Bereitstellung von Exponaten gilt Matthias Zitzelmann, Michael Bittmann, Uwe Janouch, Stefan Gernsheimer und Robin Wolff.