Alle farblichen Spielarten der Quarzfamilie in einem einzigen, gangförmigen Vorkommen? Sammlerlatein? Wunschdenken? Oder doch Realität?
Das muss für den Arbeiter ein besonderer Augenblick gewesen sein, als er im kleinen Granitbruch am Maissauer Berg, nur 45 km nordwestlich der Bundeshauptstadt Wien, mit seinem Pickel plötzlich auf glasharten Quarz hieb. Es war nämlich kein gewöhnlicher Quarz. Dieser hier schimmerte in herrlichstem Violett! Man schrieb das Jahr 1848. Kurz zuvor hatte man auf den umgebenden Feldern bereits Streufunde dieses Steins gemacht, ehe man den kleinen Steinbruch zur Gewinnung von Straßenbau-Material anlegte.
166 Jahre später stehen wir in einer Baggergrube, nur knapp hundert Meter von dieser Stelle entfernt. Wir, das sind: Dr. Manfred Linner von der Geologischen Bundesanstalt, Anton Rauscher, Mitarbeiter des Krahuletz-Museums Eggenburg, Peter Tomazic und der Berichterstatter (G.K.). Karl, unser Baggerfahrer kennt den Maissauer Amethyst gut von vorangegangenen Aufschließungs-Aktionen. Behutsam legt er den Quarzgang an seiner Südflanke frei. Dort ist der angrenzende Granit weitgehend in Kaolin umgewandelt. Diese Vorgangsweise (von der Südseite zu graben) schont die empfindlichen Kristallspitzen in den Klüften innerhalb des Ganges. Den Rest erledigen wir händisch. Schon bald zeigt sich eine Spalte, aus der fetter Lehm quillt. Ein gutes Zeichen! Mit wenig Kraftaufwand löse ich den Quarz neben dem Riss. Bereits der erste Brocken lässt Jubel aufkommen. Dezimetergroße Kristallspitzen zieren seine Rückseite! Maissau-Kenner wissen aber: Spitzen aus dem Gangzentrum sind niemals violett. Die Farbe findet sich in ihrem Inneren, verborgen unter einer Milchquarz-Schicht. Violette Kristallspitzen gibt es fast ausschließlich in den schmäleren "Fiederspalten", die vom Hauptgang ins Nebengestein abzweigen. Diese beherbergen auch andere Quarzarten wie Citrin, Rauchquarz oder Eisenkiesel.
Mittlerweilen haben Peter, Manfred und Anton mehrere Klüfte aufgeschlossen. Ein Strahlstock aus Fiberglas erweist sich als hilfreich. Er schont die empfindlichen Kanten und Spitzen. In diesen Apriltagen 2014 bergen wir einige Zentner derben Bänderamethyst und zahlreiche Kristalle bis 15 cm Kantenlänge. Dankbar und zufrieden füllen wir Kiste für Kiste. Ein Großteil des Materials verbleibt in Maissau. Belegstücke kommen ins Karhuletzmuseum sowie ins Geozentrum Steinstadel Aggsbach. Auch die Geologische Bundesanstalt kann nun die dort verwahrten Erstfunde durch aktuelle ergänzen.
Bekannt seit mehr als 170 Jahren
Es ist anzunehmen, dass den Entdeckern die Bedeutung ihrer Funde durchaus bewusst war, denn zu jener Zeit galt Amethyst als einer der wertvollsten Edelsteine. So gelangten Stücke des neuen Vorkommens an die "K & K Geologische Reichsanstalt" in Wien, dem Vorläufer der späteren Geologischen Bundesanstalt. Der erste Direktor dieser 1835 gegründeten Institution, Wilhelm von Haidinger, einer der bedeutendsten Mineralogen seiner Zeit, ließ Scheiben daraus schneiden und betrachtete sie unter dem Polarisationsmikroskop. Dabei erkannte er, dass diese Kristalle aus einer innigen Verwachsung von rechtsdrehenden und linksdrehenden Quarzen bestehen. Er publizierte seine Entdeckung und nannte sie "idiophane Achsenbilder". So war der Maissauer Amethyst bei Experten bald ein Begriff. 1849 wurde der kaiserliche Bergbeamte Johann Cžjžek zur Untersuchung des Vorkommens nach Maissau entsandt. Aus seiner Beschreibung geht hervor, dass der Amethystquarzgang damals auf „9–10 Fuß Tiefe“ am Rande des Steinbruches aufgeschlossen war, von wo er sich ca. „100 Klafter weit nach Stund 9 (Osten) gegen Maissau“ zog. Im Jänner 1850 sandte Cžjžek eine 165 Pfund schwere Kiste mit Belegstücken an die Geologische Reichsanstalt.
erst geschätzt – dann unterschätzt
In der Folge gelangten Maissauer Amethyste in bedeutende Sammlungen. Im ersten Band seines Werkes „Mineralogisches Lexicon für das Kaiserthum Österreich“ widmete Victor Ritter von Zepharovich dem Amethyst von Maissau einen ganzen Absatz. Dann allerdings wurde es allmählich stiller um diesen Bodenschatz, was auch an der Schließung des kleinen Steinbruchs gelegen sein mag.
Erst 1909 erwähnt der mineralogische Heimatforscher Alois Sigmund in seinem Standardwerk „Die Minerale Niederösterreichs“ wieder den Maissauer Amethyst, bezieht sich dabei aber nur auf die alten Erkenntnisse von Cžjžek und Haidinger. Daran dürfte sich – wahrscheinlich kriegsbedingt – in den nächsten 20 Jahren nichts Wesentliches geändert haben, denn in der Zweitauflage seines Buches 1929 weiß Sigmund über den Maissauer Amethyst nichts Neues zu berichten.
Wiederentdeckt!
Nach dem 2. Weltkrieg feiert das Mineraliensammeln vor allem in Privatkreisen eine Renaissance. Die auflebende Begeisterung am Steine sammeln brachte in den 70er und 80er Jahren des 20. Jahrhunderts einen regelrechten Boom, der natürlich auch am Maissauer Berg deutliche Spuren hinterließ. Erwähnungen in populären Mineralienbüchern (z.B. Werner Lieber: „Der Mineraliensammler, 1. Auflage 1963) trugen das ihre dazu bei. Leider waren dabei allzu menschliche Eigenschaften wie Geltungssucht, Habgier und Neid auch unter der Spezies „Mineraliensammler“ recht üppig vertreten. Dies führte zu Konflikten mit den heimischen Bauern, die begreiflicherweise von Maulwurf-Aktivitäten in ihren Äckern nicht begeistert waren. Metertiefe Löcher im frischen Getreide oder im angrenzenden Gemeindewald gehörten da zur Tagesordnung. Eine seriöse wissenschaftliche Untersuchung der geologischen Gegebenheiten blieb aus. Bald ging das Interesse am Maissauer Amethyst merklich zurück. Auch der 1981 erschienene Führer „Mineralfundstellen in Oberösterreich, Niederösterreich und Burgenland“ des Sammler-Ehepaares Simone und Peter Huber, der zur Standard-Literatur der Steine-Freaks wurde, beschreibt die Fundmöglichkeiten nicht gerade rosig. Dennoch ziert das Titelbild dieses Werkes ein Maissauer Amethyst...
1986: Erste wissenschaftliche Bearbeitung durch das Krahuletzmuseum Eggenburg
Während jene, die auf eigene Faust arbeiteten, kaum noch fündig wurden, gab es gelegentlich auch Hobby-Sammler, welche die Zusammenarbeit mit wissenschaftlichen Institutionen suchten. Das eröffnete völlig neue Perspektiven. Pioniere auf diesem Gebiet waren Gerhard Putzgruber und Harald Strunz. Sie konnten den Leiter der Krahuletz-Gesellschaft Eggenburg, Univ. Prof. Dr. Fritz Steininger, zu einem gemeinsamen Projekt animieren. Im Sommer 1986 einigte man sich mit einem Grundbesitzer, unter dessen Feld die Fortsetzung des Quarzganges vermutet wurde. Bald startete eine gezielte Freilegung mittels Bagger, an der auch der Autor teilnehmen durfte. Der Erfolg stellte sich rasch ein. Diese und weitere ähnliche Aktionen erbrachten bis Anfang der 90er Jahre große Mengen guten Materials. Insbesondere die vielfältig gefärbten und sehr unterschiedlich ausgebildeten Quarzkristalle übertrafen alle Erwartungen. Einige der schönsten Stücke sind im neuen, attraktiv gestalteten, Schaudepot des Krahuletz-Museums zu bestaunen. Erstmals begann man auch darüber nachzudenken, das Vorkommen vielleicht später einmal touristisch zu erschließen. Gleichzeitig verbreitete sich abert unter Sammlern fälschlicherweise das Gerücht, es sei nun endgültig erschöpft. Die Amethyst-Monographie des deutschen Mineralogen Dr. Werner Lieber (1993) zählt Maissau zwar zu den 200 bedeutendsten Lokalitäten der Erde, allerdings liest man dort die ernüchternde Feststellung: „Der Fundort gibt kaum noch etwas her“...
Neue Ideen…
Etwas Schwung kam erst 1996 wieder in die Sache als jene, die sich schon gedanklich mit Nutzungsmöglichkeiten für das unterschätzte Vorkommen auseinandersetzten, ihre Ideen zu Papier brachten. Dazu gehörten Fritz Steininger und der Autor. Was folgte waren die ereignisreichsten Jahre in der Geschichte des Maissauer Amethysts. Sie begannen im September 1999 mit ersten Sondierungsgrabungen und gipfelten schließlich im Bau der „Amethystwelt“ und deren Eröffnung Anfang 2005.
...und deren Umsetzung
Der Weg dorthin war kein leichter: Es galt, das schönste Stück des Ganges aufzuspüren, es freizulegen und im unterirdischen „Amethystdom“ attraktiv ins Licht zu setzen. Dazu kam Gastronomie, ein Museum mit Shop, das großartige „Edelsteinhaus“ mit wechselnden Sonderausstellungen, ein weitläufiger Park sowie zahlreiche Attraktionen für Kinder und Familien. Ein willkommener Nebeneffekt sind die dadurch entstandenen Arbeitsplätze in der zuvor strukturschwachen Region. Wer heute Maissau besucht, das sich inzwischen stolz „Amethyststadt“ nennt, erkennt schon an den violetten Kristall-Skulpturen, Brückengeländern oder Straßenlaternen, worum es hier geht. In ihrem 20jährigem Bestehen durfte die „Amethystwelt“ bereits weit mehr als eine Million Besucher begrüßen.
Tourismus fördert Wissenschaft
Dem engagierten, langjährigen Geschäftsführer Josef Piller ist es zu danken, dass neben der touristischen Nutzung auch die wissenschaftliche Untersuchung des Vorkommens nicht zu kurz kam. In Zusammenarbeit mit der Montanuniversität Leoben, dem Krahuletz-Museum, der Geologischen Bundesanstalt und dem Autor, gab es immer wieder Grabungen im Umfeld der Anlage. Die letzte fand im April 2014 statt. So konnte man die Situation vor Ort studieren, um mehr über die Art des Vorkommens und seine Erstreckung zu erfahren. Die Ergebnisse sind zum Teil recht spannend:
Oberflächenfunde von Amethyst beschränkten sich lange Zeit auf einen engen Bereich von etwa 50 m. Abseits dieser Zone gab es früher keine Funde, weshalb man glaubte, die Lagerstätte sei eben nicht größer. Daneben hielt sich aber auch hartnäckig die Legende, sie reiche bis nach Eggenburg. Das Vorkommen am dortigen Friedhof erstreckt sich allerdings parallel zu jenem in Maissau und hat mit diesem (abgesehen von der genetischen Verwandtschaft) keinerlei Verbindung. Realer sind da schon die Gerüchte, man habe beim Ausbau der B 4 Richtung Horn schöne Amethyste gefunden. Auch die Geschichte vom Brunnenbau in der Sonndorfer Straße, bei dem man angeblich auf Amethyste gestoßen sei, scheint plausibel. Immerhin liegen die beiden Stellen exakt in der Verlängerung des bisher bekannten Vorkommens, allerdings in einem Abstand von über 1 km! Mehr Licht ins Dunkel brachten erst die Grabungen des Krahuletz-Museums. Erstmals ahnte man die bedeutende Ausdehnung des Quarzganges.
Die Sondierungen für die Amethystwelt brachten neue Erkenntnisse. Mittels Geo-Elektrik wurde der Quarzgang 200 Meter weiter östlich nachgewiesen und dann auch real aufgeschlossen. Er liegt dort unter einer 2 m dicken, miozänen, Sedimentschicht. Sie verhinderte, dass Stücke daraus an die Oberfläche gelangen konnten. Ähnliches zeigte sich Richtung Westen. Auch dort ist der Gang nach oben hin versiegelt, steht darunter aber in voller Pracht an. Damit ist eine Erstreckung von mindestens 400 m gesichert. Der geradlinige Verlauf – annähernd von Westnordwest nach Ostnordost – ist mittlerweilen gut dokumentiert. Beim Muttergestein des Ganges handelt es sich um Granit mit einem Alter von rund 580 Millionen Jahren. Das Aufreißen der vertikal stehenden, tektonischen Spalte(n), in die letztlich der Quarz kristallisierte, passierte vermutlich erst viel später beim Abklingen der Variszischen Orogenese vor 300 bis 250 Millionen Jahren.
Ein Quarzgang, viele Gesichter
Die bisher aufgeschlossenen Bereiche des Quarzganges zeigen abschnittsweise größere Unterschiede in ihrer Strukturierung. Bei einer durchschnittlichen Breite von 30 bis 60 cm kommt es manchmal zur Aufspaltung in mehrere Parallelgänge sowie zur Ausbildung von „Fiederspalten“, die spitzwinkelig vom Hauptgang aus meterweit ins umgebende Gestein reichen. Während der Hauptgang immer schwarz - weiß - grau - violett (in unterschiedlicher Intensität) gebändert ist, kommt in den wesentlich schmäleren Fiederspalten manchmal nur eine Farbe zur Entfaltung. In der Gangmitte öffnen sich häufig Lehm gefüllte Klüfte mit frei gewachsenen Kristallspitzen. Diese Klüfte können wenige Zentimeter aber auch mehrere Meter Durchmesser erreichen.
Bunte Vielfalt
Vorab: Das Vorkommen ist sehr mineralarm. Lediglich winzige Pyrite, Eisen- bzw. Mangan (Hydro-)Oxide erkennt man punktuell als Einschlüsse in klaren Quarzkristallen. Die meisten Quarze zeigen nur sechsseitige Pyramiden (aus Rhomboederflächen) mit Kantenlängen bis 18 cm. Prismenflächen beobachtet man selten. Eine Kombination von beiden führt gelegentlich zu artischokenartiger Ausbildung. Sehr abwechslungsreich ist ihre Farbe. Sie kann sogar in benachbarten Hohlräumen ganz unterschiedlich sein. Es überwiegen Spitzen von grauweißer bis hellbeiger Tönung, oft mit rauer Oberfläche. Die kleineren Kristalle der Fiederspalten sind häufig schöner ausgebildet und zeigen das gesamte Farbspektrum, welches die Quarzfamilie hergibt: Vom klaren Bergkristall über alle Nuancen rauchiger Töne bis zum pechschwarzen Morion. Dazu gesellen sich leuchtend rote „Eisenkiesel“ und sehr selten echte Citrine. Als Einzelfund gilt durch Einschlüsse moosgrün gefärbter „Prasem“. Amethyst zeigt sich eher selten als freistehende Kristalle. Die tiefvioletten Spitzen sind meist von Milchquarz überzogen, besitzen aber manchmal Schleifqualität. Sehr attraktiv wirken Anschliffe, welche die apart gebänderte Gangstruktur zeigen oder solche quer zur c-Achse der Kristalle. Diese ergeben attraktive konzentrische Schnittbilder. Als ob das noch nicht bunt genug wäre, trifft man im Bereich alter Störungen gelegentlich auf brekziöse Kluftfüllungen aus farbenfrohem Chalcedon, oft mit eingelagerten Amethystsplittern.
Weltweit einzigartig ist ein rund 3 Meter langer Abschnitt des Quarzganges: Im „Eggenburgium“, vor ca. 20 Millionen Jahren, bildete der Maissauer Berg eine kleine Insel im Parathetys-Ozean. Dabei ragte dieser Teil des Amethyst-Vorkommens in die felsige Meeresküste. Die heftige Brandung brach Stücke heraus und formte sie in Jahrhunderten zu attraktiven kugel- oder eiförmigen Geröllen mit attraktiver Bänderung. Diese stellen absolute Raritäten dar und suchen Ihresgleichen.
Fazit
Die jahrzehntelange Beschäftigung mit den faszinierenden Spielarten der Maissauer Quarze macht demütig und dankbar für diesen einzigartigen Naturschatz! Wo gibt es das sonst noch (fast) alle Farben des Quarzes in einem einzigen Gang vereint? Und man kann den schönsten Bereich davon sogar in situ bestaunen! Die Region liebt „ihren“ Stein und identifiziert sich mit ihm. Könnte Mineralogie Schöneres bewirken?