In einer Zeit, in der ein Großteil des Erwerbs und des „Sammelns“ von Mineralien und Kristallstufen über das Internet und mit oft kaum mehr vorstellbaren Verkaufspreisen abgewickelt wird, scheint die Spezies derer, welche ihre Sammlungsstücke auch heute noch selbst in der Natur aufspüren und abbauen, im Verschwinden begriffen. Einer der bedeutendsten österreichischen Sammler, der fast 60 Jahre lang aktiv zahlreiche regionale, aber auch internationale Fundstellen erfolgreich bearbeitet hat, ist Karl Wanek aus Gloggnitz in Niederösterreich.
Der erste kontakt
Karl Wanek wurde im Jahr 1944 geboren und wuchs in einer schwierigen Zeit in Hirschwang im südlichen Niederösterreich auf. Diese Region hat zwar durchaus eine lange Bergbautradition, aber Funde von wirklich hochwertigen Mineralien sind eher eine Seltenheit. Trotzdem erwachte bald das Interesse an diesen schönen Naturprodukten und mit den ersten selbst gefundenen Steinen (Kupfererz, Malachit, Azurit) wurde bald ein Alpengarten errichtet.
Der Schulunterricht zählte nicht unbedingt zu seinen Lieblingsbeschäftigungen. Als er wieder einmal zu einem längeren „Strafaufenthalt“ im Naturkundekabinett verdonnert wurde, entdeckte er in der Schulmineraliensammlung einen funkelnden Bergkristall, der dann wenig später seinen Alpengarten zierte.
Nach der Heirat in sehr jungen Jahren und der Geburt seiner Tochter erfolgte im Jahr 1966 der erste größere Urlaub in Zell am See in Salzburg. Im Frühstücksraum der Unterkunft stand ein Schrank mit prächtigen einheimischen Kristallen, der Karl sofort faszinierte. Auf dem Kitzsteinhorn konnte er in den folgenden Tagen seine ersten Alpinmineralien wie Aktinolith, kleine Bergkristalle, Epidot und Adular finden. Die Begeisterung für eine lebenslange Beschäftigung mit schönen Steinen war entfacht.
Eine perfekte Symbiose mit Lebenspartnerin Renate
Weitere Sammeltouren brachten in den Folgejahren immer wieder schöne Eigenfunde. Mangels eigenem Auto musste meist das Moped als Transportmittel herhalten. Die Ziele waren dadurch auf lokale Vorkommen in Niederösterreich und in der angrenzenden Steiermark beschränkt. Eine besondere Anziehungskraft übte hier der ehemalige große Magnesitbergbau in der Veitsch, Steiermark, aus, der über viele Jahre zum regelmäßigen Ziel von etwa 140 (!) Sammelfahrten wurde und die Ausdauer oft mit wunderschönen Aragonitstufen, Magnesit- und Quarzkristallen belohnte.
Der sammlerische Turbo wurde jedoch erst durch die Bekanntschaft mit der ebenfalls an Mineralien interessierten Renate Kain so richtig gezündet, die er schließlich 1995 heiratete. Mit ihr unternahm er in 30 Jahren hunderte Mineralientouren und zahlreiche Reisen, auch zu ausländischen Fundstellen. Renate war für Karl die perfekte Begleiterin und konnte auf den gemeinsamen Sammelexkursionen auch selbst zahlreiche schöne Steine entdecken und bergen.
Bergwerke und hochalpines Gelände
Neben den einheimischen Fundstellen rückten sehr bald die alpinen Klüfte ins Zentrum des sammlerischen Interesses. Glückliche Zusammentreffen mit Salzburger „Strahlern“ wie Kurt Nowak und dem Gasteiner Toni Zlöbl, die als seine Lehrmeister fungierten, führten ihn in Folge zu ausgezeichneten Eigenfunden: Quarzkristalle bis 45 cm Größe und hervorragende Adulare vom Ortberg im Gasteinertal, Salzburg, prächtige Kristalle vom Ankogel und vom Auernig in Kärnten und in späteren Jahren verschiedenste Alpinmineralien aus dem salzburgischen Lungau in hervorragender Qualität bereicherten rasch seine stetig wachsende Sammlung.
Auch alte Bergbaue übten eine große Anziehungskraft auf Karl Wanek, der beruflich bei den Österreichischen Bundesbahnen tätig war, aus. Außerordentlich gute Funde von Pyrit, Kupferkies, Quarzkristallen und dem seltenen Blei-Silber-Bismut-Sulfid Gustavit (in für das Mineral riesigen, bis zu 3 cm großen Kristallen) zählen zu den Höhepunkten seiner Sammelerfolge. Darüber hinaus konnte er insgesamt im Rahmen von mehr als 300 weiteren Stollenbefahrungen wie etwa in den Bergbauen Theisenegg und Wölch im Kärntner Lavanttal, in Meiselding, am Katschberg, in Schellgaden und Leogang in Salzburg Mineralien in hervorragender Qualität mitbringen.
Der bereits vor mehr als 1000 Jahren bekannte Eisenbergbau am Grillenberg im niederösterreichischen Schwarzatal liegt in unmittelbarer Nähe seines Wohnortes. Hier wurde bis 1926 vorwiegend Hämatit zur Erzeugung von Rostschutzfarben abgebaut. Zur Zeit des 2. Weltkrieges erfolgte eine kurzfristige Wiederaufnahme des Bergbaus. Zusammen mit seinem Bekannten, Helmut Krenn, legte Karl Wanek im Februar 1980 einen Zugang zum alten Bergbau frei und konnte wenig später als bemerkenswerten Erstfund für Niederösterreich schöne weiße und blaue Eisenblüten (Aragonit) bergen. In der Folge wurde das Stollensystem, von dem etwa 4 km noch befahrbar waren, genau vermessen und unter Federführung des Sammlers und Autors Michael Hackenberg als Schaubergwerk eingerichtet. Karl Wanek war hier jahrelang als Bergwerksführer tätig.
Das Ausland lockt
Auf Anregung seiner Frau Renate rückten schließlich auch ausländische Fundorte in den Fokus des sammlerischen Interesses. Besonders Griechenland mit seinen mineralreichen Inseln Kreta, Thassos und Serifos wurde zum Ziel längerer Urlaube. Besonders erfolgreich waren Renate und Karl bei zahlreichen Stollenbefahrungen in den alten Bergbauen der Insel Serifos in der Ägäis. Tolle Funde von Fluorit, Baryt, Prasemquarzen, Andradit-Granaten, Hämatit-Eisenrosen, Ilvaitkristallen und des extrem seltenen Rankenquarzes waren die Belohnung für die harte Arbeit.
Auch Vulkane zogen die beiden in ihren Bann. Reisen zum italienischen Stromboli, auf die Insel Vulcano, zum Teide nach Teneriffa und im November 1993 sogar zum afrikanischen Mount Kilimanjaro bereicherten neben fantastischen Naturerlebnissen auch durch Mineralfunde die Sammlung.
Kritische Situationen
Im Verlauf von etwa 2500 Sammeltouren und in Verbindung mit generell nicht ganz ungefährlichen Zielen wie hochalpinem Gelände oder alten Bergwerksstollen mussten Renate und Karl auch einige sehr gefährliche Situationen überstehen: Im Jahr 1980 konnte Karl einen Sammlerfreund, der in einer tiefen, von ihm selbst auf der Suche nach Gipskristallrosen im burgenländisch Pöttsching ausgehobenen Grube komplett verschüttet wurde, in letzter Sekunde bergen.
Im September 1998 stürzte Renate bei einer Tour zur 3105 m hohen Baumbachspitze in Kärnten in eine mit Wasser gefüllte Gletscherspalte. Karl konnte sie samt ihrem schweren Rucksack nur mit großer Mühe aus der Spalte retten.
Bei Arbeiten an einer vielversprechenden Kluft am Lungauer Salzkopf im Jahr 2007 stürzte Karl im steilen Gelände kopfüber einige Meter in die Tiefe, kam zum Glück aber „nur“ mit starken Prellungen und Blutergüssen davon. Bereits zwei Jahre davor war Renate an einer in der Nähe liegenden Fundstelle wegen eines gebrochenen Astes 15 Meter in die Tiefe gestürzt und musste ihre schweren Verletzungen bei einem längeren Krankenhausaufenthalt behandeln lassen.
Vortragender und Autor
Karl Wanek war jahrzehntelang als begehrter Vortragender in österreichischen Sammlervereinen unterwegs. Seine auf eine ganz speziell rührige Art präsentierten Diavorträge zählten zu den Höhepunkten jedes Vereinsprogrammes und motivierten viele Zuhörer zum Selbersuchen.
Im Jahr 2019, im Alter von 75 Jahren und gegen Ende seiner aktiven sammlerischen Laufbahn, entschloss sich Karl, seine beeindruckenden Erlebnisse in einem Buch festzuhalten. Im sehr empfehlenswerten Band „Faszination Kristallsuche – Abenteuer über und unter der Erde“ schildert Karl sehr amüsant die Highlights seiner etwa 2500 Sammeltouren in mehr als 50 Sammeljahren.
Beeindruckende Sammelphilosophie
Karl Wanek kann in mehrerlei Hinsicht als Vorbild für die heutige Sammlergeneration dienen: Seine etwa 5000 Stücke umfassende und bestens dokumentierte Sammlung besteht nahezu ausschließlich aus selbst gefundenen Stücken, nur vereinzelte Stufen kamen als Geschenk oder im Tausch in die Glasvitrinen dazu. Nur ganz wenige Sammler weltweit können auf eine derartig intensive und erfolgreiche Sammeltätigkeit an so zahlreichen unterschiedlichen Fundstellen zurückblicken, wie das bei Karl der Fall ist.
Auch seine Verbindung zur Wissenschaft, allen voran in der Person des ehemaligen Kustos des Naturhistorischen Museums in Wien, Dr. Gerhard Niedermayr, soll besonders hervorgehoben werden. Aus dieser Zusammenarbeit resultierte unter anderem die Erstbeschreibung von Ilmenit und Hämatitrosetten von einer bis dahin völlig unbekannten Fundstelle bei Prigglitz in Niederösterreich.
Seine Sammeltouren und Stollenbefahrungen sind akribisch genau in drei kleinen Tourenbüchern festgehalten.
Im Laufe der Jahre entstanden durch das Sammeln viele Freundschaften. Die gemeinsamen Erlebnisse und Erinnerungen an erfolgreiche Sammeltouren mit seinen Weggefährten zählen für Karl Wanek zu den wichtigsten Momenten in seinem Sammlerleben. Er selbst bemerkt dazu: „Mineralieninteressierte stellen immer wieder die Frage: ‚Was ist das wert?‘ Für den materialistischen Menschen von heute ist das typisch. Ich mag das gar nicht. Natürlich hat jeder Fund einen besonderen Wert. Für mich aber stehen die Erlebnisse hinter jedem Fundstück im Vordergrund.“
Das Feuer, das Karl Wanek mehr als fünf Jahrzehnte lang zu sammlerischen und körperlichen Höchstleistungen angetrieben hat, ist vor allem durch gesundheitliche Probleme in letzter Zeit weitgehend erloschen, die aktive Sammeltätigkeit im Gelände dadurch leider nicht mehr möglich. Mögen aber zumindest die Erinnerungen an diese einmaligen Sammelerlebnisse und großen sammlerischen Erfolge möglichst lange präsent bleiben...