Maximilian Schiller (2026): Vom Sammlungsheft zur Datenbank: Wie verwalte ich meine Sammlung? Mineralica 2026-3, S. 58–64.
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Maximilian Schiller (2026): Vom Sammlungsheft zur Datenbank: Wie verwalte ich meine Sammlung? Mineralica online, September 2026. https://mineralica.com/a/ptsnWt (abgerufen am 13. Oktober 2026)
Ein Zettel neben der Stufe genügte über Generationen. Vier Beispiele zeigen, wie Sammler Ordnung in ihre Sammlung bringen: vom nummerierten Heft über Karteikarten und digitale Listen bis zur eigenen Datenbank.
Etikett mit drei Plätzen, nur zwei sind noch belegt; den oberen hat der Sammler gestrichen. Solche Spuren zeigen, wie sortiert wurde und wie die Sammlung sich entwickelte. Foto Maximilian Schiller.
Ein Zettel neben der Stufe, mehr war über Generationen nicht üblich. Er nennt Mineral und Fundort, manchmal den Händler und solange er in derselben Schachtel bleibt, funktioniert das gut. Verrutscht er, ist die Herkunft verloren und aus einem dokumentierten Sammlungsstück wird ein schöner Stein ohne Geschichte. Wer mehr wollte, musste sich selbst etwas ausdenken. Über viele Jahrzehnte fand deshalb jeder Sammler seine eigene Antwort darauf, wie er seine Sammlung ordnen und zugänglich machen wollte. Entsprechend eigenwillig fallen die Lösungen aus: Ein Sammler aus unserem Bekanntenkreis sortiert seine Schubladen bis heute nach den Postleitzahlen der Fundorte. Wir zeigen vier Methoden, vier Beispiele von vielen. Alle nehmen sich dasselbe Problem vor, alle lösen es auf ihre Weise und jede Lösung bringt neue Probleme mit, die die nächste zu beheben versucht.
Ein Heft, eine Nummer, viel Handarbeit
Das älteste Beispiel ist die Sammlung Richter, die ich selbst vor einiger Zeit übernehmen konnte. Aufgebaut wurde sie überwiegend zwischen 1910 und 1930. Ihr Herzstück ist ein schmales Heft. In jeder Zeile stehen drei Angaben: eine laufende Nummer, der Mineralname, der Fundort. Mehr nicht. Neben dem zugehörigen Etikett klebt auf jeder Stufe eine individuelle Nummer.
Drei Angaben genügten: die Nummer zuerst, darunter links das Mineral, rechts der Fundort. Das Heft der Sammlung Richter, aufgebaut überwiegend zwischen 1910 und 1930, hält den Bestand fest und nebenbei die Reihenfolge, in der er entstanden ist. Erst diese Chronologie macht sichtbar, wie sich der Geschmack des Sammlers über die Jahre verschoben hat. Sammlung Thomas Christfried Richter, Foto Maximilian Schiller.
Das war doppelte Arbeit, aber genau darin liegt der Fortschritt. Die Angaben stehen an zwei Orten, am Stein und im Heft, verbunden über die Nummer. Fällt ein Etikett aus der Schachtel, lässt sich das Stück trotzdem zuordnen. Vor allem aber löst das Heft ein Problem, das jeder kennt, dessen Sammlung über eine Handvoll Schubladen hinausgewachsen ist: Wer nicht mehr genau wusste, wo eine Stufe lag, musste Schublade für Schublade öffnen, Stück für Stück anheben und die Etiketten lesen. Mit dem Heft ist die Sammlung zum ersten Mal als Ganzes lesbar, ohne eine einzige Schublade zu öffnen. Die meisten Sammler dieser Zeit haben sich diese Mühe nicht gemacht.
Durchsuchbar ist ein solches Heft allerdings nicht. Wer wissen will, ob ein bestimmter Fundort vertreten ist, blättert. Gemessen an der Suche durch die Schubladen ist das trotzdem ein enormer Gewinn.
Manganit in seltener Kombination mit Quarz aus Ilfeld, Deutschland. Länge etwa 12 cm. Die auf der Rückseite aufgeklebte handschriftliche Nummer verbindet die Stufe mit dem Sammlungsheft und dem Label. Ehemals Sammlung Thomas Christfried Richter, Berlin, heute Sammlung und Foto Maximilian Schiller.Foto Maximilian Schiller.
Denselben Grundgedanken verfolgen die Karteikarten-Systeme, die sich später durchsetzten. Eine Karte pro Stufe, dieselbe Nummer, dieselbe Verbindung zum Stück. Der Unterschied liegt in der Beweglichkeit: Neue Karten lassen sich jederzeit einschieben, der Kasten wächst mit der Sammlung und die Karten lassen sich umsortieren, nach Mineral, nach Fundort, nach Erwerbsjahr. Ein gebundenes Heft kann beides nicht.
Dafür kann das Heft etwas, das ein Karteikasten verliert und das sein Verfasser gar nicht beabsichtigt hat. Weil ein Buch zwangsläufig in der Reihenfolge des Erwerbs gefüllt wird, hält es eine Chronologie fest. Wer die Seiten durchblättert, liest die Entwicklung eines Sammlergeschmacks. Im Fall der Sammlung Richter stehen am Anfang der Aufzeichnungen fast ausschließlich deutsche Fundorte. Dann häufen sich böhmische Vorkommen. Gegen Ende des Heftes wird die Sammlung immer internationaler, bis hin zu Stücken aus den USA. Für eine mitteleuropäische Privatsammlung dieser Jahre ist das bemerkenswert, amerikanisches Material war hier noch die Ausnahme. Ein solches Heft ist damit, ganz nebenbei und über seinen eigentlichen Zweck hinaus, zu einem historischen Zeitzeugnis geworden.
Daraus ergibt sich aber auch eine Schwäche: Dieses Heft existiert genau einmal. Darüber hinaus hat der Leim über die Jahrzehnte nicht überall gehalten, vereinzelt haben sich aufgeklebte Nummern von den Stufen gelöst.
Sammeln im digitalen Zeitalter
Die Verbreitung des Computers ermöglichte die Weiterentwicklung der Sammlungsverwaltung: die digitale Liste. Sie ist beliebig erweiterbar, lässt sich mit einem Klick sortieren und filtern und sie lässt sich beliebig oft kopieren, drucken oder teilen. In einem Punkt bleibt sie allerdings eingeschränkt: Die Suche findet nur, was exakt so geschrieben wurde. Ein Tippfehler beim Erfassen und das Stück ist für jede spätere Suche unsichtbar.
Wie weit diese Methode trägt, zeigt die Sammlung von Alfred Pichler. Der Kärntner ist in der Sammlerszene eine Institution: Die Mineralien seines Bundeslandes hat er über Jahrzehnte systematisch aufgearbeitet und in mehreren Büchern dokumentiert. Seine Sammlungsliste umfasst rund 4.000 Zeilen. Jede Zeile steht für ein Stück in seiner Sammlung. Die aufsteigenden Nummern trägt er mit einem Lackstift direkt auf die Stücke auf.
Damit ist das Klebeproblem gelöst. Die Beschriftung sitzt auf dem Stein, statt darauf zu haften und sie überlebt jeden Umzug, jede Umverpackung und jeden Wechsel des Vitrinensystems. Wer schon einmal eine geerbte Sammlung sortiert hat, in der die Zettel lose zwischen den Stufen lagen, weiß, was das wert ist.
Galenit vom Rischberg, Petzen, Kärnten, von der Rückseite: weiß grundierter Lack, darauf in Schwarz die Sammlungsnummer. Ehemals Sammlung Alfred Pichler, Klagenfurt, Foto Maximilian Schiller.
Unumstritten ist die Methode jedoch nicht. Der Lack ist ein Eingriff am Stück selbst und mancher Sammler mag sich dazu nicht durchringen. Bei instabiler Matrix verbietet er sich ohnehin und an einem einzelnen freistehenden Kristall findet sich schlicht keine Stelle, die man opfern möchte. Die Dauerhaftigkeit hat ihren Preis und jeder Sammler gewichtet ihn anders.
Mit der digitalen Liste kann man sich nun in Sekundenschnelle einen Überblick über die eigene Sammlung verschaffen. Wie schon das handschriftlich geführte Sammlungsheft bietet die digitale Liste eine Zuordnung des Eintrags zum Stück über die individuelle Nummer. Ein Problem bleibt: Bei Doppelungen vom gleichen Mineral, gleicher Fundstelle oder Größe können Stücke miteinander verwechselt werden. Eifrige Sammler legten deshalb zusätzlich ein Fotoarchiv an, das in separaten Ordnern lag und sich nur mit viel Geschick mit den Einträgen der Liste verknüpfen ließ.
Software nach Maß
Wenn auch eine digitale Liste nicht mehr reicht: Der renommierte Sammler Fabian Wildfang verwaltet seine Sammlung seit vier Jahrzehnten mit einer eigenen Software. „Minerva" hat er 1985 zum ersten Mal selbst programmiert, damals noch auf dem Commodore C64, und über die Jahre von Plattform zu Plattform weiterentwickelt. Seit 2006 läuft Minerva als Webanwendung, und auch wenn die Umsetzung inzwischen ein Programmierer übernimmt, stammen Konzept, Bildschirmaufbauten und Funktionen bis heute von Wildfang selbst. Entstanden ist eine Anwendung, wie man sie sonst von Sammlungsverwaltungen für Museen oder große Institutionen kennt. Jedes Stück hat einen eigenen Datensatz mit Bildern, dazu Filter, seitenweise Navigation durch große Bestände und eine Suche, die auch bei Tippfehlern und abweichenden Schreibweisen findet, was gemeint ist. Wer je nach „Aquamarin" und „Aquamarine" getrennt suchen musste, versteht den Unterschied sofort.
So praktisch diese Lösung ist, sie hat ihre Hürden: Wer eine eigene Anwendung will, braucht das Know-how und die Ausdauer, sie über Jahre selbst zu konzipieren, oder das Budget, sie umsetzen zu lassen. Und die Abhängigkeit von einem einmal eingeschlagenen Weg ist enorm.
Bilder direkt am Datensatz, Filter und eine fehlertolerante Suche: Fabian Wildfang hat sich seine Sammlungsverwaltung programmieren lassen. Die Anwendung erfüllt alles, was eine Liste offenlässt. Foto Fabian Wildfang.
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GemTrackr: die Sammlung als Datenbank
Genau an dieser Stelle setzt eine neue Generation fertiger Software an. GemTrackr ist eine Windows-Anwendung, die sich in ihrer im September 2026 veröffentlichten Version gezielt an Mineralien- und Edelsteinsammler sowie Gemmologen richtet und künftig für einen professionellen Gebrauch interessant werden könnte. Entwickelt wird sie von Christoph Maaß und Dominik Khan, den beiden Gründern der edenDevelopment UG.
Der Keim der Idee, eine Software speziell für Sammler zu entwickeln, kommt nicht von ungefähr: Maaß begleitete schon in seiner Jugend seinen Vater auf Mineralienmessen und -börsen und war früh mit der strukturierten Erfassung einer Sammlung befasst, Anfang der 2000er Jahre klassisch mit Excel-Dateien, später mit einer Access-Datenbank und hunderten digitaler Fotos auf Datenträgern oder ganz analog in Fotoalben.
GemTrackr führt Fundortangaben, kaufmännische Daten und hochauflösende Fotos in einem Datensatz zusammen. Die Mineraldaten folgen den Standards der International Mineralogical Association. Abbildung: edenDevelopment.Die erweiterte Suchfunktion ermöglicht das Kombinieren verschiedener Suchparameter, um entweder ein spezifisches Exponat zu finden oder die Sammlung aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu betrachten. Somit lassen sich Fragen wie "Was ist mein ältestes Exponat?" oder "Welche Exponate haben noch keine Bilder?" schnell beantworten. Abbildung: edenDevelopment.
Anfang 2025 begeisterte Maaß seinen Mitgründer für folgende Idee: „Heutzutage trägt doch jeder von uns einen kleinen Supercomputer in Form eines Smartphones in der Hosentasche. Warum ermöglichen wir den Mineraliensammlern nicht, was meinem Vater zu seinen Sammlerzeiten noch nicht möglich war: die Sammlung digital in der Hosentasche?“ Beim ersten Konzept stießen die beiden allerdings auf eine nachvollziehbare Hürde: Niemand will seine Sammlung auf einem kleinen Mobilgerät noch einmal neu erfassen, zumal viele Sammler bereits eine tabellarische Erfassung ihrer Exponate besitzen.
Aus diesem Grund verlegten sie den Fokus auf eine Windows-Anwendung, die inzwischen öffentlich verfügbar ist, wahlweise mit deutscher oder englischer Oberfläche. Auf PC und Notebook lässt sich eine Sammlung bequem erfassen, bestehende Daten können einfach in die Anwendung importiert werden. Vorhandene Listen werden dabei direkt übernommen, die eigene Sammlung muss nicht erneut von Hand erfasst werden.
Jedes Exponat bekommt einen vollständigen Datensatz, der Fundort, Historie, Größe und Einkaufspreis beinhaltet, viele weitere Details wie „auf Matrix“ erfassbar macht und mit beliebig vielen Bildern der Stufe ergänzt werden kann. Korrekte Mineralnamen, chemische Formeln und Klassifikationen werden nach den Standards der International Mineralogical Association vorgeschlagen, was die Schreibweisen im gesamten Bestand einheitlich hält. Doppelte Exponate unterscheidet das Programm durch die Vergabe eindeutiger IDs.
Besonderes Augenmerk haben die Entwickler auf das Durchsuchen der Sammlung und das leichte Auffinden einzelner Exponate samt ihrer Bilder gelegt: von der einfachen Schnellsuche bis zu komplexen logischen Suchmustern, die sich für die spätere Wiederverwendung speichern lassen. Damit lassen sich individuelle Filter erstellen, die es ermöglichen, beispielsweise alle Steine, die auf einer bestimmten Messe gekauft wurden, angezeigt zu bekommen.
In GemTrackr werden die Exponate wahlweise tabellarisch oder wie hier in einer Galerieansicht dargestellt; Suchkriterien und Filter wirken sich automatisch auf beide Ansichten aus. Ein Klick auf ein Suchergebnis führt direkt zum gewünschten Exponat. Abbildung: edenDevelopment. Mineralfotos: Wikimedia Commons – Robert M. Lavinsky, Tiia Monto, Ra’ike, H. Zell (CC BY-SA 3.0); Ivar Leidus, Didier Descouens, DerHexer (CC BY-SA 4.0).
Bei der Ablage der Daten lässt GemTrackr die Wahl: Standardmäßig liegen alle Daten und Bilder ausschließlich auf dem eigenen Rechner, vollständig offline und ohne Bindung an einen Cloud-Dienst. Wer die Sammlung von mehreren Geräten aus pflegen möchte, kann seine Daten auf Wunsch auf einem Netzlaufwerk ablegen. Die Datenbank im Hintergrund ist in beiden Fällen auf Geschwindigkeit ausgelegt, was auch bei tausenden Stufen mit umfangreichem Bildmaterial für schnelle Navigation sorgt.
GemTrackr kann mittlerweile ausgiebig genutzt werden, wird sich aber in Zukunft auch noch weiterentwickeln. Im Fokus stehen der Ausbau bestehender Funktionen und die Einarbeitung von Kundenfeedback. Daneben ist eine Vitrinenverwaltung in Arbeit, die das eigene Ausstellungskonzept abbildet und den realen Standort eines Exponats in die digitale Welt überträgt.
Und die ursprüngliche Vision bleibt das Ziel: Für 2027 sind Apps für Android, iPhone und iPad geplant, mit denen Nutzer ihre Daten aus GemTrackr in die mobile Welt mitnehmen, zu Freunden, Verwandten oder auf die Mineralienbörse. Ebenfalls in Entwicklung ist eine geschützte Online-Plattform, über die Sammler ausgewählte Top-Exponate präsentieren können, auf Wunsch und durch eigenes Zutun. So lässt sich die gemeinsame Freude an besonderen Stücken auch ohne Besuch vor Ort teilen.
Die Schnellerfassung ermöglicht das unkomplizierte Erstellen mehrerer gleicher Exponate nacheinander. Abbildung: edenDevelopment. Mineralfotos: Wikimedia Commons – Robert M. Lavinsky, Tiia Monto, Ra’ike, H. Zell (CC BY-SA 3.0); Ivar Leidus, Didier Descouens, DerHexer (CC BY-SA 4.0).
Was bleibt
Vier Methoden, vier Antworten auf dasselbe Problem und in allen vieren dieselbe Konstante: eine Nummer, die den Stein mit seiner Beschreibung verbindet. Ob sie aufgeklebt, aufgemalt oder als Datensatz vergeben wird, ändert an ihrer Aufgabe nichts.
Bemerkenswert ist etwas anderes. Die Haltbarkeit läuft in dieser Reihe rückwärts. Das Heft der Sammlung Richter kann jeder aufschlagen und lesen. Die digitale Liste braucht ein Programm, das sie öffnet. Die Webanwendung braucht einen Server und im Zweifel den Entwickler, der sie geschrieben hat. Je leistungsfähiger das System, desto mehr Voraussetzungen muss es erfüllen.
Und eine Frage ist bis heute nicht abschließend gelöst: wie sich ein Stein unmissverständlich seinem Eintrag zuordnen lässt. Aufgeklebte Nummern fallen ab, Lackpunkte beschädigen das Stück oder sind gar nicht erst möglich. Auch neue Software wie GemTrackr begegnet diesem Problem mit dem Einpflegen mehrerer Bilder zu jedem Datensatz, wodurch sich ein Stück notfalls über sein eigenes Porträt wiedererkennen lässt.
Eine Information geht auf dem Weg vom Heft zur Datenbank außerdem fast immer verloren. Das Heft hat die Reihenfolge des Erwerbs bewahrt, ohne dass es jemand so wollte. In jedem sortierbaren System überlebt sie nur, wenn das Datum bewusst eingetragen wird. Wer heute dokumentiert, sollte dieses eine Feld ernst nehmen. Es ist das einzige, das auch hundert Jahre später noch eine Geschichte erzählen kann.
In Mineralica 2026-3
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