Tief im Amazonas-Dschungel, im Dreieck zwischen Venezuela, Brasilien und Guyana, liegt eine vergessene Welt. Hier lassen sich Gold und Diamanten gemeinsam gewinnen, was weltweit selten ist, und zwar gerade dort, wo für große Bergbaukonzerne nichts zu holen ist. Seit 2022 kommen aus drei abgelegenen Minen dieser Gegend Goldlocken ans Licht, wie sie sonst kaum ein Fundgebiet liefert.
Das Hochplateau, allgemein als Gran Sabana bezeichnet, zählt mit seinen bis zu 3.000 Meter hohen Tafelbergen und dem Salto Angel, dem höchsten Wasserfall der Erde, zu den eindrucksvollsten Gegenden der Welt. Der bekannteste Tafelberg ist der Roraima. Trotzdem wird jede Erkundung zum Abenteuer. Der Unruheherd des Landes liegt weit weg: Die Gegend um Caracas, die 2026 ein schweres Erdbeben traf, ist mehr als 1.000 Kilometer entfernt. Die Gran Sabana mit ihrem Zentrum Santa Elena de Uairén nahe der Grenze zu Brasilien und Guyana gilt deshalb als vergleichsweise ruhig.
Das eigentliche Goldrevier Venezuelas liegt weiter nördlich im Bundesstaat Bolívar. Zwischen El Callao und dem Ort Km 88 zieht sich der größte Bergbaukorridor des Landes. Als der US-amerikanische Geologische Dienst 1993 die Lagerstätten des venezolanischen Guayana-Schilds zusammenstellte, kam er auf über 450 Vorkommen, darunter mehr als 200 für Gold und mehr als 106 für Diamanten, die meisten davon in Seifen. Allein auf die Distrikte El Callao und Lo Increíble entfielen mehr als 70 der 125 erfassten Goldgangvorkommen, und das war nur ein Drittel der über 230 Goldquarzgänge, die dort schon bekannt waren. Dieses Gold steckt in Quarzgängen und wird im großen Maßstab abgebaut. Jahrelang beherrschten kolumbianische Guerillagruppen und kriminelle Banden das Gebiet. Erst vor Kurzem schaltete die venezolanische Armee, unterstützt von US-Drohnen, bei Km 88 die gefährlichsten Mitglieder der Bande „Tren de Aragua“ aus. Seither wird der Korridor geräumt, und durch die neuen politischen Konstellationen übernehmen immer mehr US-Bergbauunternehmen die Schürfrechte. Für Sammler bleibt dieser Korridor dennoch uninteressant. Von dort kommt Erz, keine Kristallstufen. Was Sammler suchen, wächst weit im Süden im verwitterten Untergrund der Gran Sabana.
Der „Jungle Buyer“
Doch wer sind die Menschen, die unter fast unmöglichen Bedingungen im tiefsten Dschungel nach Gold suchen? Besonders hervorzuheben ist Alejandro Stern aus Santa Elena de Uairén. Nach 24 Jahren in der venezolanischen Ölindustrie gab er seinen Beruf auf und ging in den Amazonas-Dschungel. In Venezuela ist Stern als „El Trompo Rojo“ bekannt, ein Name, der auch für einen der seltensten Edelsteine dieser Gegend steht, den blutroten Diamanten. Ein einziges Karat kann auf dem freien Markt rund eine Million Euro einbringen. Manche Amerikaner nannten ihn den „Jungle Buyer“, weil er stets über die besten Goldkristalle und Diamanten verfügte.
Seine heutige Einschätzung „Die Gegend ist mittlerweile frei von Kriminellen und reich an Goldkristallen“ gibt die veränderte Lage wieder. Und seit einigen Jahren kommt dort etwas ans Licht, das selbst erfahrene Sammler selten zu sehen bekommen. Golddrähte, im Handel als Wire Gold geführt, sind Kristallisationen von gediegen Gold, die statt kompakter Formen fadenartige Gestalt bilden. In derselben Gegend kommen auch Einzelkristalle vor, Oktaeder bis hin zum Dodekaeder, aber sie stammen aus anderen Minen.
Bekannt wurden die Silberlocken aus Kongsberg in Norwegen, die manchmal 50 Kilogramm erreichten. Dekorative Golddrähte sind jedoch noch weit seltener. Jene aus der Ground Hog Mine in Colorado zählen zu den begehrtesten.
Die berühmte Drachen-Goldlocke
Alejandro Stern war einst im Besitz des berühmten „Dragon Wire Gold“ aus der El Infierno Mine nahe dem Fluss Icabarú. Die Geschichte dieses Stückes spielt vor rund zwanzig Jahren und klingt beinahe unglaublich. Eines Tages, als Stern in seinem Büro Gold und Rohdiamanten ankaufte, tauchten plötzlich Goldstücke mit ausgeprägt grüner Färbung auf. Niemand wollte sie kaufen, denn diese Farbe deutete auf einen hohen Silbergehalt hin, während das lokale Gold sonst von deutlich besserer Qualität war. Damals kannte man Goldkristalle nur in kubischen Formen. Drähte von mehr als 20 Zentimetern Länge wurden oft eingeschmolzen, weil niemand den Wert dieser außergewöhnlich großen Stücke erkannte. Der Schürfer, der mit Metalldetektoren arbeitete, kramte einige sehr ungewöhnliche Golddrähte aus der El Infierno Mine hervor. Er versicherte, dass das 361 Gramm schwere Stück in einer Matrix aus klarem, rosafarbenem Quarz gesteckt hatte. Er hatte die Matrix aufgebrochen, um den Draht herauszulösen, ohne zu ahnen, was der Draht in dieser Matrix wert gewesen wäre.
Stern kaufte das Stück trotzdem, für 2.000 Dollar, und verkaufte es später für 50.000 Dollar an einen Sammler in den USA. Hannes Keilmann, der die Münchner Mineralientage damals leitete, erkannte den ästhetischen Wert dieser Goldspirale und bildete sie auf den Hauptplakaten zur Bewerbung seiner Veranstaltung ab. Zuletzt wechselte das Stück erneut den Besitzer, für mehr als 2.200.000 Dollar, und fand einen Ehrenplatz im MIM-Museum in Beirut. Das sind die Geschichten, aus denen Träume entstehen.
Wie wachsen Golddrähte?
Spannend ist die Frage, was einen Draht überhaupt zum Draht macht. Nur wenige Minerale bilden diese Form aus, am häufigsten Silber, Gips, Gold, Malachit und Eis. Echte Drähte wachsen anders als gewöhnliche Kristalle. Sie legen nicht an ihrer Oberfläche zu, sondern allein an ihrer Basis, ähnlich wie ein Haar. Sie sitzen mit einem verbreiterten Fuß auf und teilen sich von dort in gekräuselte Ranken oder laufen spitz aus. Kristallflächen zeigen sie nicht.
Genau auf diesen Fuß richtet Dr. Dave Mustart von der San Francisco State University seine Arbeit, auf die Mündung, mit der die Drähte aus dem Quarz treten. Dr. John Rakovan, früher Miami University, heute State Mineralogist am New Mexico Bureau of Geology and Mineral Resources, hat umfangreich zu Goldkristallen geforscht und versucht, den gemeinsamen Ursprung von Silber- und Golddrähten zu ergründen. Für Silberdrähte ließ sich zeigen, dass Ionen im festen Zustand wandern und den Draht von der Basis her nachschieben. Rakovan hält für einen Teil der Golddrähte einen entsprechenden Vorgang über eine Silber-Gold-Tellurid-Phase für möglich. Ausführlich beschrieben haben das Mark Mauthner und Otmar Wallenta in Mineralica 2025-4, unter dem Titel „Goldkristallmorphologie. Die Sammlung Otmar Wallenta“.
Die Unterscheidung hat Folgen für den Sammler. Vieles, was als Draht gehandelt wird, ist genau genommen ein Pseudodraht, also ein in eine Richtung gestreckter Kristall oder ein abgelöster Ast eines flachen Aggregats. Solche Stücke tragen Kristallflächen, echte Drähte nicht. Die venezolanischen Locken sind echte Drähte.
Gold gehört zu den rund zwei Dutzend Mineralen, die gediegen auftreten, die also aus Atomen eines einzigen Elements bestehen. Silikate wie Granat oder Turmalin brauchen dafür das Zusammentreffen vieler verschiedener Ionen. Bei den gediegenen Mineralen lässt sich deshalb unmittelbarer auf die Bedingungen schließen, unter denen sie gewachsen sind, auf Temperatur, Druck und Dauer. Und sie bilden eine große Formenvielfalt aus, von Dendriten über blattartige Formen und Grätenmuster bis zu Skeletten und drahtartigen Gebilden.
Ungeklärt ist auch die Entstehung der Goldkristalle der Gran Sabana. Sie stecken fast ausschließlich in einer Kaolinschicht zwei bis drei Meter unter der Oberfläche. Die Garimpeiros, wie sich die selbstständigen Goldgräber hier nennen, sagen Pizarra dazu. Bilden sich die Kristalle im Kaolin, oder bewahrt der Ton das Gold nur auf?
Wo die Stufen wirklich herkommen
Ein Problem begleitet das venezolanische Gold, seit es auf den Markt kommt: Händler machen häufig falsche Angaben zum Fundort. Für Sammler und Wissenschaftler ist gerade diese Angabe wichtig. Stufen aus dem Süden des Landes werden pauschal „Santa Elena“ oder „Icabarú“ zugeschrieben. Santa Elena ist eine Kleinstadt, Icabarú eine Bergbausiedlung, beide sagen über die Fundstelle wenig aus.
Am deutlichsten zeigt sich das am größten bekannten Einzelkristall von Gold, 4,44 × 4,27 × 2,06 Zentimeter groß, 217,78 Gramm schwer und heute im Houston Museum of Natural Science. Wir haben ihn in Mineralica 2025-4 abgebildet. Mehrere Quellen nennen El Callao als Fundort. Das ist falsch. In El Callao gibt es keine Goldkristalle, dort steht das Gold in Quarzgängen. Der Kristall stammt aus Zapata bei Icabarú.
Zapata liefert Kristalle, keine Drähte. Wer einen venezolanischen Golddraht vor sich hat, hat ihn nicht aus Zapata. Die Drähte kommen aus vier anderen Minen, die nacheinander aktiv wurden.
Am Anfang steht die legendäre El Infierno Mine nahe dem Fluss Icabarú, um 2006 aktiv, aus der die berühmtesten Locken stammen, darunter die Drachen-Goldlocke. Die Trompa Mine war 2022 sehr aktiv, sie liegt 170 Kilometer westlich von Santa Elena, direkt neben der Landebahn von Icabarú. Die Cariri Mine folgte 2024, sie liegt 100 Kilometer östlich von Santa Elena auf brasilianischer Seite. Derzeit läuft die Yunet Mine, 150 Kilometer nordwestlich von Santa Elena zwischen Wonken und Kavanayen, ein großflächiges und vielversprechendes Gebiet. Die abgebildeten Golddrähte auf diesen Seiten stammen aus diesen vier Minen.
Das Gold dieser Fundstellen trägt meist einen hohen Silberanteil. Und die Drähte verlassen den Dschungel selten so, wie sie gefunden wurden. Die jungen Bergleute schneiden lange Drähte mit Zangen durch, um sie unter ihren Partnern aufzuteilen, und schlagen sie aus der Quarzmatrix heraus. Die Fundstellen liegen so abgelegen, dass sich an dieser Praxis kaum etwas ändern lässt.
Der Weg aus dem Dschungel
Wie beschwerlich der Weg ist, zeigt sich erst unterwegs. Von Caracas geht es über El Dorado nach Santa Elena de Uairén, von dort in einer alten Cessna auf eine holprige Piste bei Parkupi, dann stundenlang im Holzboot mit übergroßem Außenborder weiter flussaufwärts. Wer dort Gold kaufen will, reist mit einer schweren Tasche voll Bargeld, und seine Begleiter tragen Pistolen. In den Camps bietet dann jeder etwas an, Gold und Diamanten.
Große Bergbaukonzerne meiden dieses Gelände. Es bleibt den Garimpeiros. Wie viel sie fördern, weiß niemand genau, gewogen und gemeldet wird hier nichts. Schätzungen nennen zehn bis fünfzehn Tonnen Gold im Jahr, dazu Tausende Karat Diamanten. Ihre Arbeitsbedingungen sind danach: Zwischen den Gruben stehen Tümpel, in denen die Malaria sitzt.
Ihre Methode ist Jahrhunderte alt. Das goldhaltige Material läuft über einfache Waschrinnen, bis ein schweres Konzentrat übrig bleibt. Dieses wird mit Quecksilber versetzt. Das Quecksilber verbindet sich mit dem Gold zu einem Amalgam und bindet dabei noch die feinsten Flitter zu Klumpen, die sich leicht abtrennen lassen. Die pastöse Masse wird anschließend über offenem Feuer abgeraucht. Zurück bleibt reines Gold, das Quecksilber entweicht als Dampf in die Umgebung, und die Arbeiter atmen ihn zwangsläufig ein. Das Verfahren ist billig und einfach, wegen der Giftigkeit des Quecksilbers aber international geächtet und vielerorts verboten.
Vor diesem Hintergrund verwundert es weniger, dass ein zwanzig Zentimeter langer Draht zerschnitten wird. Er wird nach Gewicht geteilt, weil Gewicht das ist, was am Ende eines solchen Tages zählt.
Zwischen El Infierno und Trompa liegen sechzehn Jahre. So lange kam aus der Gran Sabana kaum ein Draht, der diesen Namen verdient, und die alten Stücke sind längst in festen Händen. Seit 2022 kommt wieder Material, erst aus Trompa, dann aus Cariri, jetzt aus Yunet. Stern fährt selbst hinein, um es zu holen. Oft kommt er zu spät, dann sind die spektakulärsten Stücke längst verkauft und eingeschmolzen.
Was er trotzdem herausbringt, ist das, was es von diesem Fund je geben wird. Und mit welcher Fundstelle es in den Sammlungen ankommt, entscheidet sich jetzt. Ein Draht ohne Fundortangabe ist ein schönes Stück Gold. Ein Draht mit Fundortangabe ist ein Beleg.