Lange vor Ötzis Zeit gab es in den Zillertaler Alpen in Österreich eine Fundstelle für Rohstoffe zur Fertigung von Werkzeugen. Die Region war bereits in der Mittel- und Jungsteinzeit Teil einer bedeutenden alpinen Nord-Süd-Verbindung, die umherziehende Jäger und Sammler zwischen dem Inntal und dem Brixener Becken nutzten. Dort wurde Bergbau auf Bergkristall betrieben. Es kann angenommen werden, dass diese großen Bergkristallvorkommen eine zentrale Versorgungsstelle für vorbeiziehende Jägergruppen waren. Steinzeitliche Funde am Riepenkar im Bereich des Olperer haben dazu beigetragen, dass die Geschichte des Zillertales um eine wichtige Facette reicher geworden ist. Der Olperer liegt im westlichen Bereich der Zillertaler Alpen, nahe der Grenze zwischen Tirol (Österreich) und Südtirol (Italien).
Neben dem Hochfeiler und Möseler ist der Olperer mit seinen 3.476 m der dritthöchste Gipfel in den Zillertaler Alpen. Seine Erstbesteigung erfolgte durch Paul Grohmann 1867, seine Führer waren Georg Samer (auch genannt „Steinklauber Josele“) und Jakob Huber. Der Aufstieg erfolgte durch das damals benannte „Rippenkar“. Später wurde daraus das „Riepenkar“.
Die Tuxer- und Zillertaler Alpen gehören zu den großen quarzführenden Regionen der Tiroler Zentralalpen und werden bevorzugt von Mineraliensammlern begangen. Der Bereich des Olperer stellt ein altes Kristallfundgebiet dar. Denn bereits in der Karte von Peter Anich aus dem Jahre 1774 findet man den Hinweis "Alpeiner Ferner wo Christall zu finden". Diese Anmerkung dürfte sicher nicht auf Grund eines Einzelfundes gemacht worden sein.
Im Jahr 1977 war Walter Ungerank (Autor dieses Textes) erstmals mit einem Sammlerkollegen an der Bergkristallfundstelle am „Riepenkar“. Dort fanden sie im Schutt relativ klare Bergkristalle bis ca. 8 cm Länge. Oberhalb befanden sich noch Eis- und Schneefelder, unter denen sie noch mehr Funde vermuteten. Auffällig war die große Anzahl an ungewöhnlich geformten Kristallscherben, die sich die Sammlerkollegen zu diesem Zeitpunkt noch nicht erklären konnten.
Rund um die heute bekannte archäologische Fundstelle waren schon damals viele andere Sammler auf der Suche nach Kristallen, die dabei möglicherweise die Überreste beschädigten.
Im Jahr 2000 wurde am genannten Bereich am Olperer vom Mineraliensucher Patrick Pataky bei besagter Berg- kristallfundstelle Quarzscherben und ein pechschwarzer ca. 3 x 2 cm kleiner Stein gefunden. Als Besonderheit nahm er auch diesen mit, da er in seiner Umgebung von hellem Gneis und Quarz ein Fremdkörper war. Diesen schwarzen Stein zeigte er seinem Vater Siegfried. Er war sich bei der Bestimmung nicht ganz sicher und legte den Fund schließlich Walter Ungerank vor. Aufgrund seiner Reisen nach Griechenland und dem Besuch zahlreicher Museen im In- und Ausland hielt Ungerank den schwarzen Stein zunächst für Obsidian aus dem Mittelmeerraum. Die Bergkristallscherben erkannte er jedoch sofort als steinzeitliche Werkzeuge wie Klingen, Schaber oder Pfeilspitzen. Seine ersten Worte: „Hier ist Alarm“.
Es war sofort klar, dass es sich hierbei um eine sehr alte Fundstelle handelt, da diese Bergkristallscherben anders aussahen als Abfallstücke, welche Mineraliensammler nach dem Bearbeiten einer Kluft liegen lassen. Viele der kleinen Bergkristallbruchstücke hatten Retuschen (eindeutige Bearbeitungsspuren) und glichen einem kleinen Messer mit Wellenschliff. Es kann sein, dass ehemals vorbeiziehende Jägergruppen eine lukrative Quarzkluft entdeckten und gewannen dort den kristallinen Rohstoff für die Produktion ihrer Gerätschaften. Wie es schien, waren wir „Steinsucher“ nicht die ersten an dieser Fundstelle.
Weitere Suchaktionen von Patrick und Siegfried Pataky, sowie Walter Ungerank erbrachten auch noch genügend Material, welches baldmöglichst dem Institut für Ur- und Frühgeschichte an der Universität Innsbruck vorgelegt wurde.
Im Herbst 2001 unternahm Dr. Walter Leitner und Dr. Gert Goldenberg mit den genannten Mineraliensammlern ebenfalls eine Exkursion in dieses Gebiet, wobei weiteres Material mit klingen- und lamellenförmigen Abschlägen gefunden und sichergestellt wurde. Die Untersuchung des vermutlichen Obsidians stimmte natürlich nicht, es war ein „Radiolarienhornstein“ (pechschwarzer Stein mit winzigen kleinen Einschlüssen und Abschlagspuren) aus dem südalpinen Raum, der über mehrere hundert Kilometer dorthin gelangte und vermutlich beim Fund dieser wasserklaren, durchsichtigen Materialien gerne liegen gelassen wurde. Laut persönlichem Schreiben von Dr. Gerhard Niedermayr (NHM Wien) ist dieser Fund eine Sensation im Alpenbereich.
Bei einer späteren Begehung wurde ein weiterer Hornsteinschaber (4 x 3 x 1,5 cm) zum Schärfen von Pfeilspitzen gefunden, sowie ein Kieselschiefer (3,5 x 3,5 x 1,5 cm) aus den nördlichen Kalk- alpen. Dabei könnte es sich um Bruchstücke von Hammersteinen handeln, mit denen man die Quarze herausgeschlagen hatte.
Diese Fundumstände erhärten die Tatsache, dass hier Jäger und Sammler im Zuge ihrer Wanderungen von der südlichen Dolomitenregion in Richtung Alpenhauptkamm auf eine besonders ergiebige Quarzkluft stießen und daraus Rohstoffe für die Herstellung von Steingeräten gewannen und diese vielleicht sogar bergmännisch abbauten. Diese Quarzader am Südfuß des Olperer-Gletschers liegt an einer hochalpinen Nord-Süd-Verbindungsstrecke zwischen dem Brixener Talbecken in Südtirol und dem unteren Inntal in Nordtirol. Entlang dieser Verbindung konnten bereits mehrere mittelsteinzeitliche Bergkristallartefakte gefunden werden, welche dieser Route schließlich den Namen der Bergkristallstraße verliehen.
Als man ab 1995 im ca. 100 Kilometer westlich gelegenen hinteren Ötztal und Sellraintal archäologische Grabungen durchführte, stieß man auf Werkzeuge aus Stein, welcher nicht aus dieser Gegend stammten. Im Sellraintal wurde von den Archäologen eine Jä- gerstation ausgegraben, die Menschen nachweislich schon 11.000 Jahre vor heute besiedelten und die sich in diesem Bereich rund 1000 Jahre aufhielten. Neben Hornstein wurden auch sehr klare Bergkristallwerkzeuge aus dem Zillertal gefunden. Von Interesse ist dabei, dass nicht nur die gängigen Nord-Süd Routen für den Silexaustausch, sondern auch die inneralpinen Ost-West Verbindungen für den Güterverkehr eine nicht unbedeutende Rolle gespielt haben. Dem Bergkristall wurde aufgrund seiner Transparenz und des Glitzereffektes möglicherweise Symbol-, Prestige- oder Kultcharakter zugeschrieben.
Das Riepenkar mit seinen großen Bergkristallressourcen bildete so gesehen eine zentrale Versorgungsstelle für sowohl von Norden als auch von Süden kommende Jägergruppen. Es ist mit 2.800 m Seehöhe die höchstgelegene archäologische Fundstelle Österreichs. In diesem Bereich sind mehrere (taube) Quarzklüfte parallel zur ca. 15 m langen Hauptkluft sichtbar.
Diese Werkzeuge sind typenmäßig der Mittel- und Jungsteinzeit (vor ca. 8000 – 10.000 Jahren) zuzuordnen. Bergkristalle und Feuerstein waren das Ausgangsmaterial für steinzeitliche Geräte, Werkzeuge und Waffen. Die Bergkristalle vom Olperergebiet sind von so hervorragender Qualität, dass einige als lupenrein bezeichnet werden können. Das war offensichtlich bereits damals ein Kriterium bei der Wahl des Rohmaterials. Laut Leitner waren Bergkristalle so etwas wie die „Diamanten der Urzeit“. Bergkristalle dürften ziemlich begehrt gewesen sein und dürften auch als Tauschgut eine Rolle gespielt haben. Das spröde Material ist schwerer zu bearbeiten als die üblichen Feuersteinklingen. Dafür ist es aber scharfkantiger, was beispielsweise beim Zerkleinern von Beute die Arbeit deutlich erleichterte. Einen außergewöhnlichen Reiz dürfte schon damals das Glitzern, Funkeln und die besondere Transparenz dieses speziellen Minerals ausgemacht haben. Zum hohen Wert trug zweifellos auch bei, dass Bergkristall nur an wenigen, oft schwer zugänglichen Stellen vorkommt.
An besagter Fundstelle konnten Klingen, Lamellen, Schaber, Bohrer, Pfeilspitzen, Tranchiermesser (größere Quarzscherben mit Schneidekanten), die sich zum Aufbrechen des erlegten Wildes eignen, sowie Restkerne von denen Abschläge gemacht wurden, gefunden werden. Bis zum heutigen Zeitpunkt konnte an dieser Fundstelle noch kein Lager von den Bergkristall-Schürfern gefunden werden. Daher ist anzunehmen, dass vorbeiziehende Jägergruppen in diese Höhe von 2.800 m hinaufstiegen, sich mit dem begehrten Rohmaterial eindeckten und die eigentliche Verarbeitung zu Werkzeugen in ihren Basislagern vollzogen.
Kleine bearbeitete Bergkristallklingen konnten auch am Wegbereich unterhalb der Olpererhütte vom Archäologen Thomas Bachnetzer vor einigen Jahren gefunden werden.
Im Jahr 2006 unternahmen die Brüder Helmut und Herbert Schader aus Traunstein eine Sammeltour im Bereich des Olperer. An einem kleinen Vorsprung im Gelände fanden sie durch Zufall ein wasserklares Bergkristallbruchstück, welches sich dann später als eine Sensation identifizierte. Es ist laut Untersuchungen an der Uni Innsbruck das weltweit einzige Bergkristallbeil und dürfte ca. 6000 Jahre alt sein.
Mittlerweile wurden in Tirol 30 Steinzeitfundstellen dokumentiert, aber die im hinteren Zillertal ist mit ihren ca. 2.800 m die höchstgelegene Österreichs. Da diese Fundstelle weit oberhalb der Waldgrenze liegt ist anzunehmen, dass hier auch nie ein Feuer gemacht wurde. Durch einen Fund von Holzkohle, wäre eine zeitliche Zuordnung viel genauer. Hier handelt es sich nicht um einen steinzeitlichen Lagerplatz, sondern um eine „Fabrik“ zur Erzeugung von Bergkristallwerkzeugen.
Noch nirgends im alpinen Bereich konnte eine derart große steinzeitliche „Bergkristallfabrik“ von Mineraliensammlern entdeckt werden.
Als Besonderheit wurden bei weiteren Begehungen unweit dieser Fundstelle an mindesten drei großen Gneisblöcken „Schalensteine“ gefunden, deren wissenschaftliche Erforschung auch noch nicht vollständig geklärt ist.