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Mineralogie einfach erklärt: Galenit von Wölsendorf

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Paul Gruber (2024): Mineralogie einfach erklärt: Galenit von Wölsendorf. Mineralica online, 3. März 2024. https://mineralica.com/a/xp22s7 (abgerufen am 13. Oktober 2026)

Die Reihe „Mineralogie einfach erklärt“ verbindet Sammlungsstücke mit Wissenschaft. Paul Gruber erklärt am Galenit aus dem Flussspatrevier Wölsendorf in Bayern die wichtigsten Fachbegriffe.

Mineralogie einfach erklärt: Galenit von Wölsendorf
Foto Maximilian Schiller.

Viele Sammler können mit dem Wort „Wölsendorf“ sofort etwas verbinden. Sie denken an „Stinkspat1“ und „Honigspat“, die in attraktiven Stücken in Sammlungen von Museen, an Ständen von Ausstellern auf Mineralienbörsen oder vielleicht in bescheidenerer Form im Schrank daheim liegen. Abb. 1 und 2 zeigen zwei eher kleine Stufen2.

Abb. 1: Honiggelber Fluorit, sog. Honigspat vom Marienschacht, Wölsendorfer Revier. Bildbreite 15 cm Foto Maximilian Schiller.
Abb. 2: Schwarzer Fluorit, sog. Stinkspat vom Marienschcht, Wölsendorfer Revier. Bildbreite 12 cm Foto Maximilian Schiller.

Das Wölsendorfer Flussspatrevier liegt ca. 50 km nördlich von Regensburg zwischen Schwandorf und Nabburg. Das Revier misst etwa 15 km mal 5 km. Die Grube Hermine wurde als letzte im Revier 1987 geschlossen. Besucherbergwerke gibt es nicht.

In seiner knapp hundertjährigen Geschichte haben die Gruben viele Sammlungsstücke geliefert. Die Fundortangabe ist in Mitteleuropa bekannt wie „Andreasberg“3, „Grube Clara“4, „Habachtal“5, „Erzgebirge“6 oder „Minas Gerais“7.

Im Netz finden sich viele Fotos von Wölsendorfer Fluorit, wie die internationale8 Bezeichnung für Flussspat lautet. Der alte deutsche Name Flussspat bezieht sich auf seine Verwendung als Zusatz bei Hüttenprozessen, wo er für einen besseren Fluss des Schmelzgutes sorgt. Fluorit sagt, dass der Stein Fluor enthält; Fluor, das mit Calcium eine Verbindung namens Calciumfluorid bildet.

Flussspat wird in Wölsendorf häufig von Schwerspat, international Baryt genannt, und Quarz begleitet. Letzterer ist oft von leuchtend rotem Eisenoxid überzogen. Die mm-große Quarzkristalle, die dicht aneinandergedrängt sogenannte Rasen bilden, heißen „Eisenkiesel“. Abb. 3 zeigt ein Stück vom Marienschacht.

Abb. 3: Eisenkiesel vom Marienschacht, Wölsendorfer Revier. Bildbreite 12 cm Foto Maximilian Schiller.

In diesem Beitrag soll es um den Bleiglanz9 gehen, der in Wölsendorf gefunden wurde, aber weniger von dort bekannt ist. Sei es, weil er nicht häufig war oder weil er von den Sammlern nicht nachgefragt und damit von den Bergleuten nicht mitgenommen worden ist. Jedenfalls waren die Bleiglanzvorkommen nicht so umfangreich, dass sie im Zuge des Flussspatbergbaus ausgebeutet worden wären.

Bleiglanz ist global das wichtigste Bleierz. Es besteht aus Atomen von Blei (Pb) und Schwefel (S), die miteinander einen Stoff, den die Chemie als Bleisulfid (PbS) bezeichnet, bilden10. Die Bleiatome und Schwefelatome im Bleisulfid sind nicht einfach im Raum irgendwie gleichmäßig verstreut sondern sind regelmäßig angeordnet. Jedes Bleiatom hat genau sechs Schwefelatome als gleich weit entfernte nächste Nachbarn. Das stimmt auch umgekehrt. Sie bilden ein Kristallgitter11. Obwohl die Atome unteilbar und mehr als winzig sind, darf man sie sich ruhig als kleine Kugeln vorstellen. Abb. 4 zeigt modellhaft12 das Kristallgitter von Bleisulfid.

Typisches Kristall-Gitter zwischen Blei und Schwefel Atomen. Foto Paul Gruber.
Zwischen dem Blei und den 4 in Verbindung stehenden Schwefelatomen besteht ein gleich großer Abstand. Foto Paul Gruber.
Zwischen den Schwefel und den Blei Atomen besteht ebenfalls ein gleich großer Abstand. Foto Paul Gruber.

Jedes Stück Bleiglanz ist also ein Kristall, aber der Sammler wird es nicht immer als Bleiglanz-Kristall bezeichnen. Für ihn muss ein Kristall nach außen durch mehr oder minder deutlich erkennbare Kristallflächen begrenzt sein. Dabei kann anderes Material an die Flächen angrenzen, der Kristall also eingewachsen13 sein, oder es kann kein anderes Material angrenzen, einige oder fast alle Flächen ragen in die Luft, er ist aufgewachsen. Setzt man das in Abb. 4 gezeigte Gitter in alle Richtungen gleichmäßig fort14, so ist es plausibel, dass Galenitkristalle gerne würfelförmig sind.

Abb. 5: Galenit auf Dolomit vom Marienschacht, Wölsendorfer Revier, Bildbreite 6 cm Foto Maximilian Schiller.

Abb. 5 zeigt schwarz erscheinende, aufgewachsene würfelförmige Galenitkristalle vom Marienschacht in Wölsendorf. Das helle Material sind aneinandergewachsene Kristalle von Dolomit, welche die für Dolomit charakteristischen gekrümmten Flächen aufweisen. Dolomit ist ein Verwandter des gewöhnlichen Kalks, der neben Kohlenstoff (C) und Sauerstoff (O) nicht nur das Element Calcium (Ca) sondern auch Magnesium (Mg) enthält. Die Chemie schreibt seine Zusammensetzung als CaMg [CO3]215.

Die Form des Oktaeders. Foto Paul Gruber.
Abb. 6: Galenit mit Überzug von Fluorit vom Marienschacht, Wölsendorfer Revier. Bildbreite 7 cm Foto Maximilian Schiller.
Abb. 7: Galenit in Fluorit von der Grube Roland, Wölsendorfer Revier. Bildbreite 4 cm Foto Maximilian Schiller.

In Abb. 6 erkennt man die aufgewachsenen Kristalle von Galenit nicht auf den ersten Blick. Zum einen haben sie eine dünne Kruste von kleinen, farblosen Fluoritkristallen, so dass sie grau und nicht schwarz erscheinen. Zum anderen sind sie dicht aneinander gewachsen, so dass man von jedem Kristall nur wenige Flächen sehen kann. Schließlich sind es keine Würfel, sondern Oktaeder. Die dreieckigen Flächen sind deutlich. Die Stufe stammt ebenfalls vom Marienschacht.

Galenitkristalle gibt es auch eingewachsen. Abb. 7 zeigt einen dunklen Oktaeder von der Grube Roland in Wölsendorf. Er ist in hellem Fluorit eingewachsen. Woran erkennt man, dass der Kristall eingewachsen und nicht aufgewachsen ist – die vier sichtbaren dreieckigen Flächen sind doch von keinem anderen Material umgeben?

Nun, auf der Rückseite des Stückes sieht man einen durchgebrochenen Kristall, bündig mit dem umgebenden Flussspat. Der Finder des Stücks weiß es: Er hat einen Steinbrocken zerklopft und der mürbe Flussspat hat sich entlang der Kristallflächen des Oktaeders abgelöst ohne diesen zu zerstören.

Zerklopft man reine Bleiglanzstücke, so kann man oft beobachten, dass die Spaltstücke graue, sehr gut spiegelnde Flächen aufweisen. Mit Geschick kann man Würfel mit sechs hochglänzenden Flächen erzeugen. Eigentlich eine ideale Bleiglanzkristallstufe, wäre sie nicht künstlich geschaffen worden. Manchmal bestehen reine Bleiglanzstücke aus vielen regellos aneinandergewachsenen mm-großen Bleiglanzkörnern16 mit spiegelnden Flächen, die aber keine einheitlichen, großen Flächen bilden. Dann lassen sich keine Spaltstücke gewinnen. Jedes Bruchstück zeigt wieder nur die Körner.

Abb. 8: Galenit in Fluorit vom Marienschacht, Wölsendorfer Revier. Bildbreite 11 cm Foto Maximilian Schiller.

Ein größeres Spaltstück von Bleiglanz vom Marienschacht zeigt Abb. 9. Das helle Mineral ist wieder Flussspat. Der Bleiglanz glänzt metallisch.

Warum sind die zuvor abgebildeten Kristalle matt und dunkelgrau? Dies liegt daran, dass sich Bleiglanz besonders unter dem Einfluss von Wasser gerne oberflächlich umwandelt. Die Hohlräume im Bergwerk, in denen die aufgewachsenen Kristalle vorkommen, enthalten oft feuchten Lehm. Auch kleine Risse im Gestein transportieren oft Wasser. Die Zersetzung kann soweit gehen, dass der ursprünglich vorhandene Bleiglanzkristall teilweise oder ganz verschwindet. Manchmal sind die äußersten Partien noch erhalten. In Abbildung 9 sieht man das.

Die Form des Kuboktaeders. Foto Paul Gruber.
Abb. 9: Galenit auf Fluorit von der Grube Helene, Wölsendorfer Revier. Bildbreite 6 cm Foto Maximilian Schiller.

In Abbildung 9 erkennt man einen gelben Rasen von Flusspatwürfeln. Ein Teil davon wird bedeckt von einem violetten Flussspatrasen. Da dieser zeitlich nach den gelben Kristallen entstanden sein muss, spricht man von einer „zweiten Generation“ von Flussspat. Das graue, wie Teile von Hohlkugeln aussehende Mineral ist der Rest zersetzter Bleiglanzkristalle. Betrachtet man die Hohlformen näher, erkennt man, dass ursprünglich weder Würfel noch Oktaeder, sondern „Pyramidenwürfel“ vorgelegen haben. Pyramidenwürfel bzw. Kuboktaeder erhält man, wenn man in Gedanken die acht Ecken eines Würfels jeweils so abschneidet, dass man statt der Ecke eine dreieckige Fläche mit gleich langen Seiten bekommt. Die gezeigte Stufe stammt von der Grube Helen im Revier Wölsendorf.

Untersucht man das Stück unter dem Auflichtmikroskop, so findet man in einem Bleiglanzrelikt einen winzigen länglichen Kristall von Wulfenit. Auch sind viele Reste von hellgrauem, verfestigten Lehm zu erkennen. Man könnte ihn entfernen, würde dabei aber die Zerstörung des Bleiglanzes riskieren.

Zum Abschluss dieser kleinen mineralogischen Reise nach Wölsendorf ist in Abbildung 10 der Marienschacht in Wölsendorf im Jahr 1976 zu sehen.

Abb. 10: Grube Marienschacht in Wölsendorf, 1976. Foto Paul Gruber.

Anmerkungen

  1. 1. Stinkspat: Zerschlägt man Stinkspat mit dem Hammer, bemerkt man einen eigenartigen Geruch. ↩
  2. 2. Stufen: Sammler verwenden für Mineralproben, besonders wenn sie hübsche Kristalle zeigen, statt „Stück“ auch „Stufe“. Der Begriff kommt aus der Bergmannssprache und bezeichnet dort Gesteinsstücke, vor allem wenn sie aus reinem Erz bestehen. ↩
  3. 3. „Andreasberg“: St. Andreasberg liegt im Harz und ist sein bekanntester Bergbauort. Die Bergwerke sind zwar stillgelegt, doch ist die Bergbautradition hier wie auch in andern Orten im Harz tourististisch attraktiv aufbereitet. ↩
  4. 4. „Grube Clara“: Die heute noch aktive Grube Clara liegt im Schwarzwald bei Oberwolfach. Sie wird auf Flussspat und Schwerspat betrieben. Man kann dort offiziell auf einer Halde, wo gefördertes Material zwischengelagert wird, gegen eine Gebühr Mineralien suchen. Es gibt dort sehr viele verschiedene Mineralien in zwar kleinen, aber hübsch anzusehenden Kriställchen. Der Sammler nennt solche kleinen Stücke Micromounts. ↩
  5. 5. „Habachtal“: Das Habachtal liegt im österreichischen Nationalpark Hohe Tauern. Es ist bekannt für ein Vorkommen von schleifwürdigem Smaragd. Außerdem kommen viele Rauchquarze von dort. Wer selbst dort sammeln will, muss unbedingt die Vorschriften des Nationalparkgesetzes bzgl. Art und Umfang des „Steinsammelns“ beachten. ↩
  6. 6. „Erzgebirge“: Wie der Harz ist das Erzgebirge ein sogenanntes „klassisches“ Fundgebiet. Schon im 18. Jahrhundert lieferten die damals noch unzähligen Bergwerke schöne Stücke an die Sammlungen („Naturalienkabinette“), die der Adel und das Bürgertum anlegten. ↩
  7. 7. „Minas Gerais“: Minas Gerais ist für ein 600 000 km² großer brasilianischer Bundesstaat nördlich von Rio de Janeiro. Dort werden heute an vielen Orten bergmännisch Edel- und Schmucksteine gewonnen. Die im Vergleich zu Europa riesigen Vorkommen versorgen den internationalen Handel mit Amethyst, Bergkristall und anderen Mineralien. ↩
  8. 8. internationale: Mineralien hatten schon Namen bevor man wusste, woraus sie bestehen. Auch gab und gibt es viele Namen für ein und dasselbe Mineral. Heute ist es ein Ziel der IMA (International Mineralogical Association) jede Mineralart eindeutig zu beschreiben und mit einem eindeutigen Namen zu benennen. ↩
  9. 9. Bleiglanz: Das Mineral Galenit, auch unter seiner bergmännischen Bezeichnung Bleiglanz bekannt ↩
  10. 10. bilden: Bleisulfid hat weder die Eigenschaften von Blei noch die von Schwefel. Es ist auch nicht so, dass es einfach ein Gemisch aus winzigen Blei und Schwefelkörnern wäre. Aus dem Alltag ist jedem H2O, Wasser, bekannt. Es hat weder die Eigenschaften von Wasserstoff (H) noch die von Sauerstoff (O). Es ist auch kein Gemisch beider Gase, sondern ebenfalls eine (chemische) Verbindung. ↩
  11. 11. Kristallgitter: Nicht jedes Kristallgitter hat diese Struktur. Es gibt sehr viele Typen von Kristallstrukturen. Das ist verständlich, weil Stoffe im Allgemeinen aus verschiedenen Atomsorten („Elemente“) bestehen, die mitunter sehr kompliziert, aber regelmäßig, im Raum angeordnet sind. ↩
  12. 12. modellhaft: Modellhaft deshalb, weil die Atome eben keine Kugeln sind und die Verbindungen zwischen den Kugeln in der Realität so nicht existieren. Aber die Abbildung gibt die räumliche Anordnung und die Abstände (hier im ungefähren Massstab 1: 1 Mrd) zwischen den Atomen richtig wieder. ↩
  13. 13. eingewachsen: Damit ist nichts über die zeitliche Reihenfolge der Bildung gesagt. Es kann zuerst die Umgebung da gewesen sein und der Kristall hat die Umgebung bei seinem Wachstum verdrängt oder es war zuerst der Kristall da und er wurde später mit anderem Material umgeben. ↩
  14. 14. fort: Man braucht für einen cm-großen Kristall ungefähr 10²³ (1 mit 23 Nullen) Atome. ↩
  15. 15. CaMg [CO3]2: Die kleinste Einheit von Dolomit, ein Dolomitmolekül, enthält 1 Ca, 1 Mg, 2 C und 6 O. Die Klammern setzt man, weil CO3 das Molekül als „Karbonat“ erkennen lässt. Karbonate gibt es auch mit anderen Elementen, z. B. Calcit CaCO3 , Hauptbestandteil des ganz gewöhnlichen Kalksteins. Am steirischen Erzberg wird Siderit FeCO3 als Eisenerz (Fe) abgebaut. ↩
  16. 16. Bleiglanzkörnern: Man sagt dann, es liegt Bleiglanz in „körnigen Aggregaten“ vor. ↩
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