Viele Sammler sammeln Mineralien nach dem Prinzip „Was mir ins Auge fällt“, während andere ein bestimmtes Ziel für ihre Sammlung vor Augen haben. Einer der Autoren (O.W.) hat viel Mühe und Ressourcen in den Aufbau einer Sammlung von Goldstufen investiert, die die Formen darstellen, die Kristalle dieser Art annehmen können, insbesondere aber Exemplare, die eine einzige, einfache Form aufweisen. Das Ziel einer solchen Sammlung ist es, auf reale statt auf theoretische oder idealisierte Weise die Formen zu illustrieren, in denen Gold vorkommt. Dieser Artikel dokumentiert die außergewöhnliche kristallographische Sammlung von Goldkristallen, mit Schwerpunkt seltene Einzelkristalle.
Gold
Die Zeilen und Spalten des Periodensystems sind nicht zufällig. Zwar hat jedes Element tatsächlich einzigartige Eigenschaften, doch kann es einige seiner individuellen Eigenschaften mit anderen Elementen gemeinsam haben, und diese gemeinsamen Eigenschaften spiegeln sich in der Anordnung des Periodensystems wider. Gold gehört zusammen mit Kupfer, Silber und Blei zur Kupfergruppe der metallischen Elemente, da sie dieselbe Kristallstruktur (innere Anordnung der Atome) aufweisen. Sie kristallisieren in der von Mineralogen als holoedrisch bezeichneten Klasse (mit dem höchsten Symmetriegrad) des isometrischen Systems: der hexaoktaedrischen Klasse. In der Kristallografie wird diese Klasse mit 4/m 3̅ 2/m oder sogar m 3̅ m bezeichnet, was die enthaltenen Symmetrieelemente zusammenfasst: 4-fache Achsen mit senkrechten Spiegelebenen, 3-fache Inversionsachsen und 2-fache Achsen mit senkrechten Spiegelebenen. Sechzehn kristallographische Formen wurden auf Goldkristallen festgestellt, die in sieben Arten von Formen gruppiert werden können: das Hexaeder (Würfel), das Oktaeder, das rhombische Dodekaeder, das Tetrahexaeder, das Deltoidikositetrader (Trapezoeder), das Trisoktaeder und das Hexoktaeder. Von den sechzehn können nur sechs als häufig angesehen werden: a{100}, o{111}, d{011}, e{012}, m{113} und x{1.10.18} (vgl. Francis 2004). Einfache Formen, bei denen nur eine Form existiert, sind eher selten; die meisten Goldkristalle weisen zwei oder mehr Formen in Kombination auf.
Die beigefügten Kristallstrichzeichnungen stammen aus dem „Atlas der Kristallformen“ von Victor M. Goldschmidt aus den frühen 1900er Jahren, einem deutschen Mineralogen, der die bis dahin bekannten Kristallzeichnungen der meisten Arten in einem 9-bändigen Werk zusammengestellt hat (Goldschmidt 1918). Man muss wissen, dass bis zur ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine der wichtigsten Methoden zur Identifizierung von Mineralkristallen darin bestand, ihre Grenzflächenwinkel mit einem Goniometer zu messen. Die heute weit verbreitete Anwendung der Röntgenbeugung (XRD) zur Untersuchung der inneren Struktur von Kristallen steckte noch in den Kinderschuhen, als Goldschmidt (1918) sein monumentales Werk vorlegte, das nicht nur die Kristallzeichnungen selbst, sondern auch Textbände mit Quellenangaben und begleitenden Tabellen der Grenzflächenwinkel enthält und die Gesamtheit der bis dahin für diese Analysemethode vorliegenden Daten darstellt – eine Referenzbibliothek, mit der zukünftige Winkelmessungen verglichen werden können.
Goldkristalle können sehr komplexe und verwirrende Formen aufweisen. Hoffentlich kann diese Zusammenfassung zur richtigen Identifizierung der Formen beitragen, die auf einem bestimmten Exemplar vorhanden sind.
Die Namen für die Kristallformen kommen hauptsächlich aus der griechischen Sprache und beinhalten dabei oft Flächenzahlen und Form und enden zumeist auf die Silbe -eder (griechisch – hedron).
In dieser Arbeit haben einfache Formenbezeichnungen Vorrang. Trotzdem sollen erweiterte Wortschöpfungen nicht unerwähnt bleiben.
So ist in der Literatur z.B. das Trisoktaeder auch unter der Bezeichnung Triakisokteder bekannt.
1 Einfache Grundformen
1.1 Oktaeder – o{111}
Die häufigste Form von gut kristallisiertem Gold ist das achtseitige Oktaeder. Einfache Oktaeder sind weltweit selten. Flache, blattartige Aggregate sind in der Regel das Ergebnis eines parallelen Wachstums, erkennbar an den vielen Flächen, die eine gewisse Dreieckigkeit aufweisen und gleichzeitig reflektieren, wenn das Exemplar gekippt wird. Ein Großteil des dünnen, flachen „Blattgolds” ist das Ergebnis extrem entwickelter oktaedrischer Flächen, was durch die häufig auf ihnen zu beobachtenden dreieckigen Wachstumshügel belegt wird. Einige scheinbar glatte Blätter gehen an ihren Rändern allmählich in deutlich entwickelte, parallele Oktaeder über. Oktaedrische Kristalle sind häufig trichterförmig, eine Eigenschaft, die später in diesem Artikel näher erläutert wird.
1.2 Hexaeder (Würfel) - a{100}
Wie der Name schon sagt, hat das Hexaeder, besser bekannt als Würfel, sechs gleich große Flächen. Wie das Oktaeder sind einfache Würfel in der Natur eher selten anzutreffen, und diese Form kommt meist in Kombination mit anderen Formen vor, insbesondere mit dem Oktaeder.
1.3 Rhombendodekaeder - d{011}
Das Dodekaeder hat zwölf rhombische Flächen und kommt als einfacher Kristall nur sehr selten vor. Dodekaedrische Flächen finden sich eher in komplexen Zwillingen, die häufig zahnartige Kristalle bilden, die allzu oft fälschlicherweise als „längliche Oktaeder“, als kunstvolle „Fischgrätenplatten“ oder als dünne „Pseudodrähte“ beschrieben werden.
1.4 Tetrahexaeder (Pyramidenwürfel) – {0kl}
Tetrahexaeder sind ein Beispiel für eine Form, bei der die Miller-Indizes variieren können. Diese Form ist im Wesentlichen ein Würfel, bei dem jede der sechs Flächen aus einer vierseitigen Pyramide besteht und die Variabilität von k und l die „Steilheit“ dieser Pyramiden ausdrückt. In Goldschmidt (1918) sind vier Varianten aufgeführt, nämlich e{012}, f{013}, h{014} und k{025}. Die einzige häufige Variante ist e{012}. Die tetrahexaedrische Form ist in der Regel schwer zu erkennen, insbesondere wenn die Kristalle nicht gleichmäßig gewachsen sind oder durch Verzwillingung komplex sind.
Abbildung 1a am Anfang des Artikels zeigt eine komplexe Gruppe von tetrahexaedrischen Kristallen.
1.5 Deltoidikositetraeder (Trapezoeder) – {hhl}
Wie das Tetrahexaeder ist auch das Trapezoeder eine Form mit vierundzwanzig Flächen und unterschiedlichen Winkeln. Gold kommt nur in der Form m{113} vor, während n{112} bei Granat sehr häufig ist. Diese Information ist nützlich, um festzustellen, ob ein Kristall nach einem Granatmodell gegossen wurde. Diese Form ist (historisch) auch als tetragonales Trisoktaeder bekannt.
Der Name Deltoidikositetraeder kann bei schneller Betrachtung für manchen irreführend sein. Die aus dem griechischen stammende Bezeichnung ikositetra(eder) bedeutet übersetzt 24 Fläch(ner), - dabei steht ikosi für 20 und tetra für 4 – zusammen also 24. Die Form des Kristalls hat daher nichts mit einer klassischen Tetraederform zu tun.
Kristallografie ist eine komplexe Materie, die für ein genaues Verständnis einer intensiven Beschäftigung bedarf. Dabei zusätzlich erschwerend wirkt sich die im Laufe der Geschichte unterschiedliche Entwicklung der Benennung einzelner Kristallformen aus. So gibt es im amerikanischen Englisch für ein und dieselbe Kristallform andere Bezeichnungen, als wir sie in Europa im britischen Englisch und Deutschen finden. So wird die Kristallform in diesem Abschnitt, vor allem im europäischen Sprachraum als Deltoidikositetraeder bezeichnet und als Trapezoeder in der amerikanischen Literatur.
Begonnen hat alles vor ca. 300 Jahren vor Chr. als Euklid eine genaue Klassifikation der Vierecke aufstellte (Euklid: Elemente, Buch I, 22). Er unterschied in seiner Arbeit als „Sonderformen“ das Quadrat, das Rechteck, den Rhombus (Raute), der zwar gleichseitig, aber nicht rechtwinkelig ist und erwähnte ein Rhomboid (Parallelogramm), deren einander gegenüberliegende Seiten und Winkel gleich sind, wobei die Figur aber weder gleichseitig noch rechtwinkelig ist.
Jede andere vierseitige Figur nannte Euklid Trapez, auch das Paralleltrapez mit einem Paar parallelen Seiten fand bei ihm keine gesonderte Beachtung. Das Deltoid, im Deutschen auch Drachenviereck genannt, wurde von Euklid auch nicht erwähnt, obwohl die aneinanderliegenden Seiten paarweise gleich lang sind und die Diagonalen sich im rechten Winkel schneiden, wobei eine Diagonale die andere halbiert und dadurch die Figur symmetrisch erscheinen lässt.
1.6 Hexoktaeder - {hkl}
Das achtundvierzigseitige Hexoktaeder ist nur als Modifikation anderer Formen wie dem Oktaeder oder Würfel bekannt. In Goldschmidt (1918) sind vier Varianten aufgeführt: s{123}, t{124}, x{1.10.18} und z{345}.
1.7 Trisoktaeder – {hll}
Von dieser Kristallform sind den Autoren bisher weder in der Literatur noch als Beleg Exemplare aus Gold bekannt. Die Form ist (historisch) auch als trigonales Trisoktaeder bekannt.
2 Kombinationen einfacher Grundformen
Goldkristalle weisen sehr häufig zwei oder mehr Formen in Kombination auf, was zu recht einfachen bis sehr komplex aussehenden Kristallen und Gruppen führt. Beispiele für beide Extreme in dieser Sammlung sind kubisch-oktaedrische Kristalle als einfachere Beispiele und eine nahezu perfekte Kugel am anderen Ende des Spektrums.
2.1 Kuboktaeder
Kuboktaeder sind, wie der Name schon sagt, eine Kombination aus hexaedrischen („Kubus“) und oktaedrischen Flächen. Wenn eine Form dominiert, spricht man häufig davon, dass diese Form durch die weniger dominante Form modifiziert wird. Zum Beispiel ein Würfel, der durch oktaedrische Flächen modifiziert wird, oder umgekehrt, je nach Fall. Streng genommen handelt es sich mathematisch gesehen nur dann um ein Kuboktaeder, wenn beide Formen gleich stark vertreten sind, aber Mineralogen verwenden den Begriff für diese Kombination häufig in einem weiteren Sinne.
2.2 „Pseudo“Kugelform
Eine „Pseudo“ Kugelform kann man als Grenzwert einer Folge betrachten, wo sich immer mehr verschiedenste Kristallformen und deren Flächen zusammensetzen und sich so einer Kugelform annähern. Dieser Prozess kann zusätzlich durch mechanische Einflüsse, z.B. durch Abrollen in Bachläufen „optimiert“ werden.
3 Zwillinge
Goldzwillinge sind nach dem Spinellgesetz verzwillingt, bei dem die Zwillingsebene die oktaedrische {111} Ebene ist. Der resultierende Habitus hängt jedoch davon ab, welche Kristallformen vorhanden sind.
3.1 Oktaeder
3.2 Kuboktaeder
Siehe Bilder.
3.3 Tetrahexaeder
Allzu oft werden steile, vierseitige, „speerförmige” Endflächen als „längliche Oktaeder” beschrieben. Das ist falsch. Wie bei allen Grenzflächenwinkeln sind auch die Winkel zwischen den Oktaederflächen konstant. Dies ist als Gesetz der Konstanz der Grenzflächenwinkel oder Stenos Gesetz bekannt. Beispiele, wie die in den Abbildungen 18 und 19 gezeigten, wurden von vom Rath (1877) untersucht und als Zwillings-Tetrahexaeder identifiziert, die entlang einer Dodekaederachse gestapelt sind (siehe Abbildung 20). Das rhombische Prisma besteht aus sehr eng beieinander liegenden Kanten der Tetrahexaeder, die im Wesentlichen hexaedrische (Würfel) Flächen bilden. Die Endfläche und das Prisma haben in Fällen, in denen diese Habitusform ein längliches Prisma gebildet hat, einen rhombischen Querschnitt und nicht, wie man bei einem Oktaeder erwarten würde, einen quadratischen.
Das oben Genannte ist keineswegs der einzige Habitus, in dem tetrahexaedrische Zwillinge vorkommen. Der Habitus tritt auch als scheibenförmig („UFO“-förmig), als rund gleichförmig („Golfball“) und als Teil flacher, blättriger Kristalle auf.
3.4 „Fünflinge“
Gustav Rose (1831) dokumentierte erstmals die scheinbare fünffache Symmetrie in Gold. Bis heute sind den Autoren mindestens sechs Fundorte bekannt, an denen Goldproben mit einer solchen „fünffachen“ Zwillingsbildung vorkommen (Kvasnitsa 1981, Mauthner 2024 und Referenzen darin). Die ungewöhnlichen „Fünflinge“ bestehen aus fünf Individuen, die wiederholt auf vier oktaedrischen Ebenen spinellgesetzmäßig verzwillingt sind. Die verbleibende „Lücke“ von 7°20′ zwischen dem ersten und fünften Mitglied wird durch einfaches Kontaktwachstum ausgefüllt.
Einer der fünf „Fünflinge“ befindet sich nun in der Wallenta-Sammlung: das russische Exemplar, das erstmals von Schäfer (2023) dokumentiert und später von Mauthner (2024) näher beschrieben wurde. Obwohl es durch die Placer-Aktivität etwas abgerundet ist, weist es deutlich erkennbare fünffache bipyramidale Abschlüsse auf, die denen ähneln, die von Rose (1831) beschrieben wurden, sowie kurze Prismenflächen {100}, wie sie von vom Rath beschrieben wurden (siehe Abbildung 24). Die Prismenflächen sind scharf genug, um die {111}-Hinterschneidungen zu zeigen.
3.5 „KreuzförmigeR“ baumartigeR Habitus
3.5.1 Einfache „Kreuzform“ baumartiger Habitus
Eine Eigenschaft, deren spezifische kristallografische Natur nach wie vor ein Rätsel ist, ist eine Art baumartiges Wachstum, das aus einem Stamm mit orthogonal verlaufenden Ästen besteht. Die Kristalle sind in der Regel konisch, was ihnen ein baumartiges Aussehen verleiht. Wenn man den „Stamm“ hinunterblickt, sieht man immer Äste in vier Richtungen, die fast im 90°- Winkel zueinanderstehen. Interessant ist, dass drei davon gleich lang sind und der vierte etwa doppelt so lang ist. Alle bekannten Exemplare sind scharf genug, um als Kristalle und nicht als unregelmäßig geformte Nuggets erkannt zu werden, jedoch so stark abgerundet, dass goniometrische Messungen nicht möglich sind. Diese Form wurde bei Exemplaren aus mehreren Bächen im Einzugsgebiet des Klondike River im Yukon, Kanada, gefunden. Eines davon ist hier abgebildet (Abb. 25a), ein weiteres in Mauthner (2004, S. 108, Abb. 14). Den Autoren ist bisher nicht bekannt, dass diese Form auch an anderen Orten vorkommt, und wir wären dankbar für Hinweise auf weitere Fundorte.
3.5.2 Dreifache „Kreuzform“ baumartiger Habitus
Eine andere Ausführung der oben gezeigten Darstellung zeigt drei solche baumartige Individuen, die von einem gemeinsamen Punkt aus in drei Richtungen, ungefähr im rechten Winkel zueinander, ausgehen.
4 Besondere Wachstumsformen
Es gibt viele fantasievolle Begriffe, die zur Klassifizierung von Gold Habitus verwendet werden. Einige, wie beispielsweise Tierähnlichkeiten, gelten nur für ein einziges Exemplar oder sehr wenige und sind für Klassifizierungszwecke oder zum Verständnis des Stücks nutzlos. Andere Ausdrücke wie „Fischgrätenmuster“, „Mosaik“, „Feder“ oder „Pflaster“ vermitteln zumindest einen Eindruck vom Aussehen und können Anhaltspunkte für die zugrunde liegende Kristallografie liefern. Hier versuchen wir, die komplexeren Habitus in vier Gruppen einzuteilen und einige der Variationen in jeder Gruppe zu erklären.
4.1 Dünntafelige, blättrige Aggregate
Wie bereits erwähnt, bildet Gold selten einfache Einkristalle, selbst das Vorkommen relativ einfacher Kombinationen ist ungewöhnlich. Gut kristallisiertes Gold findet man häufig in Form dünner Plättchen oder „Blattgold“. Diese können aus einem extrem flach entwickelten Einkristall bestehen, der eine einzige Form aufweist, bis hin zu komplexen parallelen Wachstumsformen, die netzartige Muster, multiple Formen und Verzwillingungen aufweisen. Es ist wichtig zu beachten, dass die Zwillingsfläche parallel zur flachen Fläche des „Blattes” verläuft und nicht in der „Verzweigung”, was auf ein ausgedehntes Wachstum entlang dodekaedrischer Achsen parallel zur oktaedrischen Zwillingsfläche zurückzuführen ist. Siehe auch unter „Baumartige/dendritische Aggregate”.
4.2 Trichterförmige Kristalle
Einige Kristalle weisen trichterförmige Vertiefungen auf, die von parallelen Rippen oder stufenartigen Mustern gesäumt sind. Diese Habitus sind das Ergebnis eines schnellen Wachstums des Kristalls, da das höchste Wachstumspotenzial entlang der Kristallkanten besteht. Die Rippen im Inneren des „Trichters” sind das Ergebnis wiederholter Versuche des Kristalls, die gesamte Fläche auszufüllen. Alle Formen von Gold können mit trichterartigen Merkmalen auftreten.
4.2.1 Oktaeder
In einigen Fällen subtil, in anderen sehr stark ausgeprägt, oktaedrische Flächen mit Trichterform kommen aber relativ oft vor.
4.2.2 Hexaeder (Würfel)
Trichterförmige Hexaederflächen sind seltener als die vom Oktaeder.
4.2.3 Dodekaeder
Trichterförmige dodekaedrische Flächen scheinen recht selten und schwer erkennbar zu sein. In der Wallenta-Sammlung gibt es keine bestätigten Beispiele dafür, aber einer der Autoren (M.M.) hat komplexe, längliche Kristalle beobachtet, bei denen er vermutet, dass sie trichterförmige dodekaedrische Flächen aufweisen.
4.2.4 Tetrahexaeder
Trichterförmige Tetrahexaederflächen lassen sich manchmal nur schwer von trichterförmigen Oktaederflächen unterscheiden. Erstere bestehen jedoch aus gleichschenkligen Dreiecken, während letztere aus gleichseitigen Dreiecken bestehen.
4.2.5 Deltoidikositetraeder (Trapezoeder)
Trapezförmige Flächen mit Vertiefungen sind an der drachenförmigen Vertiefung zu erkennen. Abbildung 9 unter Abschnitt 1.5 zeigt ein hervorragendes Beispiel dafür.
4.3 Arboreszente (Nadelbaumartige), dendritische (Laubbaumartige) Kristall- agregate
Arboreszent und dendritisch bedeuten wörtlich beide „baumartig“ – vom lateinischen arbor und dem griechischen dendron. Die gängige Verwendung (z. B. Sinkankas 1964) deutet jedoch darauf hin, dass „arboreszent“ Aggregate mit geraden Stämmen und Ästen beschreibt, während „dendritisch“ eine weniger regelmäßige Verzweigung bezeichnet, die Laubbäumen stärker als immergrünen Nadelbäumen ähnelt.
Arboreszente/dendritische Habitus bei Goldproben entstehen durch Zwillingsbildung und/oder paralleles/ausgedehntes Wachstum. Arboreszente Goldkristalle haben „Äste“, die entweder orthogonal am „Stamm“ oder in einem Winkel von 60° daran befestigt sind. „Dendritische“ Goldproben folgen denselben Regeln wie „arboreszente“, weisen jedoch kein ausgedehntes Wachstum in irgendeiner Richtung und keine so deutliche Regelmäßigkeit auf.
Einige Autoren haben die baumartigen Formen vage als Ergebnis einer „wiederholten Zwillingsbildung auf {111}” beschrieben (z. B. Russell 1929). Eine viel detailliertere Analyse liefert vom Rath (1877), der beobachtete, dass die blattartigen Aggregate aus Zwillingsbildung und parallelem Wachstum bestanden. Wie in Abschnitt 4.1 erwähnt, verläuft die oktaedrische Zwillingsfläche parallel zur flachen Dimension der „Blätter”, aber die 60°-Verzweigung ist nicht auf Zwillingsbildung zurückzuführen, sondern auf paralleles/erweitertes Wachstum entlang dodekaedrischer Achsen parallel zur Zwillingsfläche. In einigen Fällen orthogonaler (90°) Verzweigungen, die von einem der Autoren (M.M.) beobachtet wurden, ist dies auf ein verlängertes Wachstum oder „Stapeln” entlang oktaedrischer Achsen zurückzuführen, wobei jedoch nicht unbedingt eine Zwillingsbildung vorliegt (Mauthner 2004, S. 105, Abb. 11a, b).
4.4 Draht vs. Pseudodraht (Oder drahtartig)
4.4.1 Draht
Nur wenige Mineralarten kommen in Drahtform vor. Diese seltene Form tritt am häufigsten bei Silber, Gips, Gold, Malachit und Eis auf und zeichnet sich durch leicht bis extrem gekrümmte, längliche Wuchsformen mit subparallelen bis parallelen Längsstreifen aus (Mauthner 2004; Anderson und Rakovan 2020). Solche Drähte haben in der Regel eine ausgebreitete Basis und teilen sich entweder in mehrere gekräuselte oder verdrehte, kräftige bis feine Ranken auf oder verjüngen sich zu einer Spitze. Silber und Gips sind die besten und sicherlich häufigsten Beispiele für diesen Habitus; Golddrähte sind viel seltener als diese beiden Arten.
Drähte wachsen anders als andere längliche Formen. Der genaue Mechanismus ist bei einigen der oben genannten Spezies zwar nicht bekannt, aber allen gemeinsam ist, dass Drähte im Gegensatz zu „normalen“ Kristallen, die an ihrer Oberfläche wachsen, offenbar nur an ihrer Basis wachsen, ähnlich wie menschliches Haar. Dies wurde von einem der Autoren (M.M.) an plötzlich sehr kalten Wintertagen beobachtet, als Eisdrähte aus dem Boden wuchsen und einige von ihnen beim Wachsen kleine Erdbrocken mitnahmen. Angesichts der sehr, sehr geringen Luftfeuchtigkeit und des noch nicht gefrorenen Bodens, mit einem sehr wahrscheinlichen Gradienten zwischen beiden, schien die einzige vernünftige Erklärung zu sein, dass die Drähte durch aufsteigendes Vadosewasser „gespeist” wurden.
Anderson et al. (2019) wiesen darauf hin, dass die Drahtbildung in Silber durch „die Ionenleitung von Ag+ - Ionen im festen Zustand durch eine lateral begrenzte Phasenumwandlung in Ag2S“ verursacht wird. Anderson und Rakovan (2020) vermuten, dass eine analoge Ionenleitung von Au+ im festen Zustand durch eine Ag/Au-Telluridphase für einige Golddrähte verantwortlich sein könnte. Eines der von ihnen analysierten Exemplare stammte aus derselben Region wie das Exemplar in dieser Sammlung: Choco, Kolumbien.
4.4.2 Pseudodraht (drahtartig)
Ein Großteil des Goldes, das längliche Kristallformen aufweist, wird als Drähte bezeichnet, aber diese lassen sich besser als drahtartig oder pseudodrähtig beschreiben, da sie in der Regel oktaedrisch, kubisch oder in anderen Formen entlang [110] oder [111] (Mauthner 2004) oder abgelöste Stämme und/oder Zweige von flachen Aggregaten, die, wie in diesem Abschnitt erläutert, auf {111} verzwillingt und entlang [110] länglich sind. Pseudodrähte weisen in der Regel einige der Kristallflächen dieser Formen auf. Echte Drähte weisen keine Kristallflächen auf.
5 Dank und Epilog
Die Autoren danken Michael Reicht, Klaus Schäfer und R. Peter Richards für die Verwendung von Fotos und Zeichnungen sowie Carl Francis, John Rakovan für die Überprüfung des Artikels.
M.M. dankt Otmar Wallenta für die Möglichkeit, beim Aufbau seiner Sammlung mitzuwirken, und für den Vorschlag, diesen Artikel zu schreiben. Er dankt auch Carl Francis, John Rakovan und Pete Richards für interessante Diskussionen in der Vergangenheit über die Morphologie und Zwillingsbildung von Gold.
O.W. bedankt sich bei seiner Frau Edith für ihre tatkräftige Unterstützung beim Verfassen dieses Artikels und bei Heimo Urban für die Bereitstellung von Literatur. Außerdem dankt er Dr. Michael Götzinger für die Diskussionen zum Begriff „Deltoidikositetraeder” und Mag. Gabriele Gebeshuber für ihre Recherchen zu diesem Thema.
Otmar Wallenta hat es sich schon immer zum Ziel gesetzt, dass seine über Jahrzehnte geschaffenen Sammlungen nach Beendigung seiner Sammeltätigkeit geschlossen erhalten bleiben. So hat er seine einzig öffentlich zugängige landesmineralogische Sammlung über sein Bundesland Oberösterreich im Stift Kremsmünster, OÖ. untergebracht. Der zweite Teil seiner Goldsammlung ist mit historischen und persönlichen Informationen in Tagebuchform ebenfalls dokumentiert. Otmar Wallenta sucht noch zu Lebzeiten für seine Goldsammlung ein Museum oder einen seriösen Privatsammler zur Übernahme seiner Kollektion, damit seine Arbeit für die Nachwelt erhalten bleibt.